Zeitsouveränität ist mehr als Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Cornelia Möhring (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich begrüße sehr, dass wir hier über Zeit diskutieren. Das ist ein wichtiges und dringliches Thema. Wir wissen: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leiden unter dem sogenannten Burn-out, schaffen die ständig wachsenden Anforderungen nicht mehr. Während die einen im Hamsterrad rotieren, wird ein anderer Teil in der Gesellschaft von der Arbeitswelt ausgegrenzt und darf nicht mehr teilhaben. Das kann auch nicht sein.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Sie stellen als Grüne in Ihrem Antrag die Frage, was denn nötig sei, damit Arbeit und Leben besser zueinander passen. Ich habe ein kleines Problem mit der grundsätzlichen Herangehensweise, denn das klingt ein bisschen so, als ob Sie Arbeit und Leben als Gegensätze einander gegenüberstellten, hier die Arbeit, dort das Leben. Aber Arbeit und Lebensweise gehören untrennbar zusammen, und Arbeit ist auch mehr als Erwerbsarbeit.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich finde, das, was wir brauchen, ist doch Zeit für das ganze Leben. Wir brauchen Zeit für Erwerbsarbeit, sodass wir sie ohne Stress und gesund bleibend tun können. Wir brauchen Zeit für Sorgearbeit, das heißt für Kinderbetreuung, für die Pflege von Angehörigen, für den Haushalt. Wir brauchen Zeit, um uns weiterzuentwickeln, für Bildung, Kultur, zum Faulenzen, und wir brauchen nicht zuletzt Zeit   das sehen wir in Zeiten wie heute besser denn je   für politische Meinungsbildung und Teilhabe. Diese Verfügung über unsere eigene Zeit muss für jede und jeden gleich gelten, egal ob Mann oder Frau, arm oder reich, mit oder ohne Kinder.

(Beifall bei der LINKEN)

Aber leider sind wir von dieser gerechten Verteilung von Arbeit und Zeit noch weit entfernt, und von einem Zeitwohlstand können wir bei weitem noch nicht reden. Die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass auch die reale Erwerbsarbeitszeit meist nicht mehr der gewünschten Arbeitszeit entspricht. Kurz gesagt: Väter wollen weniger erwerbsarbeiten und mehr Zeit für Familie haben, Frauen möchten gerne mehr erwerbsarbeiten, und alle möchten Zeit für alle Seiten des Lebens.
Aber diese Wahlfreiheit haben sie nicht. Sie können nicht so einfach frei aushandeln, wie die Arbeit verteilt werden soll; denn wir haben nicht nur eine ungerechte Verteilung von Arbeit und Zeit, sondern auch von Einkommen, auch zwischen den Geschlechtern. Deswegen lautet in vielen Paarbeziehungen die Frage gar nicht, wer wie viele Monate Elternzeit nehmen kann, sondern sie lautet: Wie viel Gleichberechtigung können wir uns eigentlich leisten? – Deshalb führt die gut gemeinte Forderung nach der Weiterentwicklung der Elternzeit nicht automatisch zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wollen wir Zeit für das ganze Leben, wollen wir die Verfügung über unsere Zeit zurückgewinnen, dann müssen wir die Arbeit zwischen den Geschlechtern und zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen umverteilen   und das mit guten Löhnen.

(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))

Das geht am besten mit einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Weil deren Sinn und Zweck nicht darin bestehen kann, noch mehr Sorge- und Pflegearbeit in die Familien zu verlagern, damit sich Eltern und pflegende Angehörige besser im Hamsterrad platzieren können, brauchen wir unbedingt einen massiven Ausbau der sozialen Infrastruktur, also sowohl der Ganztagskinderbetreuung als auch der pflegerischen Infrastruktur.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Bettina Hornhues (CDU/CSU))

Das schafft echte Entlastung. Das wird auch entscheidend sein, wenn wir über solche Maßnahmen wie eine PflegeZeitPlus diskutieren.

Wir sollten endlich das Verständnis eines Normalarbeitsverhältnisses ein für alle Mal über Bord werfen. Die Menschen wollen keine starren Vorgaben, sie wollen Flexibilität, bei der sie auch ein Wort zu sagen haben, sie wollen weder ausufernde Arbeitszeiten, die nur Stress bedeuten, noch Teilzeitstellen, von denen sie nicht leben können. Es geht also um viel mehr als um Vereinbarkeit, es geht um viel mehr als um die Weiterentwicklung verschiedener Vereinbarkeitsmaßnahmen.
Aber ich freue mich auf die Diskussion auf dem Weg in eine neue Arbeitswelt und Lebensweise, für mehr Zeitwohlstand für alle. Packen wir es an.

(Beifall bei der LINKEN)

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