Frauenhaus Kiel: Die Istanbul Konvention ist keine Empfehlung

Seit 41 Jahren steht das Frauenhaus in Kiel und seit Beginn gibt es nicht ausreichend Plätze für schutzsuchende Frauen und Kinder. Der Bedarf steigt. Zwischen 2012 und 2018 waren die Plätze des Frauenhauses durchschnittlich zu 95 Prozent belegt, der Notaufnahmeraum mit eingerechnet. Im letzten Jahr konnten 145 Frauen und Kinder aufgenommen werden während 313 abgelehnt werden mussten. Diese Zahlen sind unsäglich, wenn man sich die Konsequenzen ausmalt oder bedenkt, dass es für viele Frauen auch nach einer Wohnungszuweisung nicht möglich ist, in der eigenen Wohnung zu bleiben.

Entsprechend der Istanbul Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen benötigt eine Stadt pro 10.000 Menschen ein Frauenhauszimmer. In Kiel wären das 25 Zimmer und ungefähr 65 Plätze. Aktuell kann das Frauenhaus in Kiel nur mit 11 Zimmern, 26 Plätzen innerhalb und sieben Weiteren außerhalb des Hauses Schutz anbieten. Laut den Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle Die Lerche und des Frauenhauses wäre ein Neubau zur Platzzahlerweiterung aus Erfahrung notwendig.

Mit der Situation des Wohnungsmarktes sind weitere Verschlechterungen zu befürchten. Der Weg zurück ins selbstbestimmte Leben scheitert schnell daran, in der Stadt, in der sich möglicherweise die Schule der Kinder, der Job, FreundInnen und Familie befindet, keine Wohnung mehr zu finden. Im Durchschnitt bleibt eine Frau in Kiel sechs Monate im Frauenhaus und das auf einer Rückzugsfläche von 5,75 Quadratmetern.

Mehr als doppelt so viele Frauenhausplätze sind also nötig, um in Kiel ausreichend Schutz gewährleisten zu können. Nicht nur physischer Schutz bedarf dringend mehr Zuwendung. Während unter anderem digitale Gewalt rabiat zunimmt, erfährt das Thema Gewalt gegen Frauen und Femizid leider immer noch viel zu wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Stigmatisierung und Vorurteile erschweren den gemeinschaftlichen Kampf. Seit Jahren fordern wir Linke im Bundestag eine Absicherung des Hilfesystems und eine Beteiligung des Bundes. Es geht viel zu langsam voran, die Verantwortung wird an Länder und Kommunen abgeschoben. Wir bleiben dran!