»Fehlen Kitaplätze, müssen meist Frauen zu Hause bleiben«

@pixabay

Interview in Junge Welt
Zu wenige und dazu schlecht bezahlte Erzieher als Ausdruck patriarchalischer Verhältnisse. Gespräch mit Cornelia Möhring

Interview: Eleonora Roldán Mendívil

Vielerorts ist von fehlenden Kitaplätzen zu hören. Wie sieht die aktuelle Situation in deutschen Kindertagesstätten aus?

Es gibt viel zu wenige Plätze, und die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen und Erzieher sind für sie sehr belastend. Bundesweit fehlen etwa 300.000 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Insbesondere in den westdeutschen Bundesländern klafft eine große Lücke zwischen erforderlichen und vorhandenen Plätzen. In Nordrhein-Westfalen gibt es nur für jedes vierte Kind einen Krippenplatz. Der Rechtsanspruch, den es seit 2013 gibt, ist in der Realität noch nicht angekommen. Geeignetes Personal zu finden ist ein Problem, auch weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind und die Bezahlung gering ist, gemessen an der Verantwortung und Belastung in dem Beruf. Mir hat noch niemand schlüssig erklären können, warum Erzieher weniger verdienen als ein Facharbeiter in der Kfz-Produktion.

Wer könnte daran etwas ändern?

In erster Linie trägt die Bundesregierung die Verantwortung für diese Misere. Sie hat mit der – an sich richtigen und wichtigen – Einführung des Rechtsanspruchs bei den Eltern hohe Erwartungen geweckt. Die können aber bis heute nicht erfüllt werden, und das obwohl der Rechtsanspruch seit nunmehr fünf Jahren besteht. Aber auch die Länder und die Kommunen tragen daran eine gewisse Mitschuld. Sie stehen in der Pflicht, für ausreichend Betreuungsplätze zu sorgen. Die Gelder dafür stehen bereit, aber der Ausbau hakt an vielen Stellen. Offensichtlich fehlt dafür der politische Wille. Ich würde behaupten, dass es Interessen gibt, Frauen aus der Erwerbsarbeit herauszuhalten. Das Patriarchat wirkt.

Wie will Die Linke das Problem angehen?

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und wird daher bei uns auch von mehreren Seiten politisch aufgegriffen. Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen ist es natürlich ein Thema für Gewerkschaften, der Notstand wird von Verdi und der GEW zu Recht angeprangert. In den letzten Jahren haben wir sehr aktive Erzieherinnen und Erzieher erlebt. Ihre Streikbereitschaft ist gewachsen. In den Kitas geht es um frühkindliche Bildung, somit sind die fehlenden Plätze auch ein bildungspolitisches Thema. Zudem ist es immer noch eine wichtige frauen- bzw. gleichstellungspolitische Herausforderung. Denn meist sind es immer noch Frauen, die zu Hause bleiben müssen, wenn es keinen Betreuungsplatz gibt. Und je länger die Auszeit vom Job dauert, desto schwieriger gestalten sich der Wiedereinstieg oder der nächste Karriereschritt und desto größer wird die Gehalts- und damit später die Rentenlücke. Besonders dramatisch ist die Situation bei Alleinerziehenden, die das höchste Armutsrisiko in Deutschland tragen.

An welchen Stellschrauben müsste angesetzt werden?

Der Rechtsanspruch muss endlich auch umgesetzt werden. Die Betreuung muss aber nicht nur quantitativ ausgebaut werden, sondern auch qualitativ, das heißt, es kommt vor allem darauf an, den Betreuungsschlüssel zu erhöhen, mehr Erzieherinnen und Erzieher auszubilden, die Vergütung zu verbessern und auch die Arbeitsbedingungen. Wir fordern bei unter Dreijährigen maximal drei Kinder pro Erzieher und ab drei Jahren bis zu acht je Betreuungsperson. Ich halte auch ein kostenloses Frühstück neben einem warmen Essen für wichtig, denn viele Kinder kommen bereits hungrig in die Kita. Die gesellschaftliche Alternative heißt Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit. Wir wollen eine Wochenarbeitszeit von etwa 30 Stunden. Dann hätten alle mehr Zeitsouveränität und damit auch mehr Zeit für Familie, Kinder und sich selbst. Wenn wir nicht selber für unsere Interessen kämpfen, werden wir nichts verändern.

siehe auch