Der unproduktive Streit um Prostitution vs. Sexarbeit

veröffentlicht auf diefreiheitsliebe.org

Die Debatte um Prostitution oder Sexarbeit ist eine der kontroversten der feministischen Bewegungen. Allein die Begrifflichkeiten sind umstritten. Noch umstrittener ist die Frage, welche Funktion Sex gegen Bezahlung in unserer Gesellschaft einnimmt. Ist die Möglichkeit, Sex ohne persönliche Beziehung zu kaufen, ein Baustein in dem Bemühen, Lebensformen und Beziehungsweisen anders zu denken, als an romantische einengende Zweierbeziehungen geknüpft?

Oder drückt sich in der Prostitution einzig und allein der männliche Besitz- und Herrschaftsanspruch über Frauen aus und wird hier die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat auf die Spitze getrieben? Kurzum, Sexarbeit und Prostitution treffen den Kern unseres Miteinanders, da sie Sexualität, Selbstbestimmung und unser Geschlechterverhältnis berühren.

Um diese Fragen soll es hier nun erst einmal nicht gehen. Nicht weil sie unwichtig sind, aber weil ich denke, dass momentan schnell alles auf die Gretchenfrage verengt wird: Wie hältst du es mit der Prostitution? Und ab da ist der Weg zu einer identitär geführten Debatte nicht mehr weit. Abgesehen von den Konservativen, die durch Sexualität jenseits ihrer doch recht engen Moralvorstellungen ohnehin verunsichert werden und diese unterbinden wollen, gibt es auf allen Seiten ein ernsthaftes Interesse, die Ursachen, die Menschen in der Prostitution und Sexarbeit verletzlich machen, zu beseitigen. Diese Gemeinsamkeit ist keine kleine und sollte Grund genug sein, sich jenseits von identitären Zuschreibungen darüber zu verständigen, wie genau das passieren kann.

Deshalb braucht es zunächst eine Verständigung, worum es überhaupt geht oder gehen sollte. Es gibt jenseits der grundsätzlichen Fragen zwei Debatten, die wiederum auf unterschiedlichen Terrains zu führen sind. Einmal: Welche Rechte brauchen Sexarbeiter*innen? Bei dieser Frage geht es ausschließlich um die Personen, die in der Prostitution arbeiten, um Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen und darin der einzige Zwang besteht. Diesem Zwang unterliegen leider alle, die nicht über Eigentum an Produktionsmitteln oder Kapitalvermögen verfügen. Wie die Rechte von Sexarbeiter*innen gestärkt werden können, ist eine sozialpolitische und arbeitsrechtliche Debatte, sie sollte von Gewerkschaften, Organisationen von Arbeiter*innen und solidarischen Feminist*innen geführt werden. Ich meine: Wer den in der Sexarbeit Tätigen abspricht, dass sie dies aus – im eben beschriebenen Sinn – freien Stücken machen würden, bevormundet und zwingt sie in einen Opferdiskurs. Davon auszugehen, dass es selbstbestimmte Sexarbeit geben kann, heißt nicht – und damit wäre ich bei der zweiten Debatte -, dass es in dem Bereich der Prostitution keine Gewalt und keinen Zwang gibt: Wir müssen darüber reden, wie wir denen helfen, die gegen ihren Willen Prostituierte sind. Es gibt etliche Berichte über die so genannte Loverboy-Methode. Gezielt bauen – meist Männer scheinbar romantische Beziehungen zu Frauen oder anderen Männern auf und gewinnen darüber Einfluss auf Entscheidunge dieser Menschen, den sie nutzen, damit diese in der Prostitution tätig werden. Zu den emotionalen kommen dann oftmals materielle Abhängigkeiten – über zur Verfügung gestellten Wohnraum und die Kontrolle über Einkommen.

Es gibt in der Prostitution auch Zwangsarbeit bis hin zu sklavenähnlichen “Arbeitsverhältnissen“. In diesem Kontext heißt das: Geschlechtsverkehr gegen den Willen einer Person. Also Vergewaltigung. Zwangsprostitution erscheint hier fast wie ein Euphemismus. Verlässliche Daten gibt es wenig. Das Bundeslagebild des BKA “Menschenhandel und Ausbeutung” listet 356 Verfahren für das Jahr 2018 im Bereich der sexuellen Ausbeutung auf, 430 Opfer und 552 Tatverdächtige (BKA 2019: Menschenhandel und Ausbeutung, Lagebild 2018). Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher, denn hier werden nur die Fälle erfasst, bei denen es zu einem Strafverfahren gekommen ist. Klar ist, jede sexuelle Ausbeutung, jede Vergewaltigung ist eine zu viel. Die Verhältnisse zu bekämpfen, die eine solche Gewalt ermöglichen, eint Feminist*innen.

Mit der von einigen Bundestagsabgeordneten angestoßenen Debatte um das so genannte nordische Modell steht allerdings ein Vorschlag im Raum, der nicht Zwang und Gewalt in der Prostitution, sondern Prostitution an sich kriminalisieren will, in dem er die bestraft, die für Sex bezahlen. Damit verengt der Vorschlag den Diskurs von vornherein, anstatt zu schauen, wo sich Feminist*innen trotz der Unterschiede begegnen können.

Ich befürchte: Ein “Sexkauf-Verbot” wird an den sozialen Problemen nichts ändern, die dazu führen, dass Menschen in Zwangslagen kommen. Im Gegenteil führt Repression dazu, diese Zwangslagen zu verschlimmern. Wahrscheinlich ist, dass ein Verbot dazu führen wird, die Vorkehrungen zum Schutz der Freier vor Strafe zu verbessern und das heißt: Alles muss noch unsichtbarer werden, die Orte versteckter. Damit werden vor allem diejenigen, die Sex gegen Geld verkaufen oder für Zuhälter verkaufen müssen, unsichtbar und ungeschützt.

Ob ein Verbot eine Wirkung auf Freier hat, die wissentlich Sex von Menschen kaufen, die zum Sex gezwungen werden, oder auf Freier, die es zumindest billigend in Kauf nehmen, ist zu bezweifeln. So werden Personen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen und dabei die Zwangslage der Sexworker/Prostituierten ausnutzen, schon seit 2016 nach § 232a Abs. 6 Strafgesetzbuch mit Freiheitsstrafe bedroht. Eine abschreckende Wirkung wird ein Verbot wohl eher auf diejenigen haben, die im legalen und damit öffentlich regulierten Bereich Sex kaufen, weil sie hier davon ausgehen können, dass es sich nicht um Zwangsprostitution handelt. Auch viele Berichte und Forschungsvorhaben kommen zu dem Schluss, dass das Sexkaufverbot in Schweden keine abschreckende Wirkung auf Freier hat. So berichteten nach Susanne Dodillet und Petra Östergren, die vom Nordic Gender Institute (NIKK) befragten Sozialarbeiter*innen, dass Kriminalisierung für die Freier kein wichtiges Thema sei und das Verhalten nicht beeinflussen würde (Siring, Annelie (2008), „Sexhandel, sexköpslgstiftning och myndighetsförstaelse, Ett svenkskt exempel“, in: Charlotta Holmström & May_Len Skilbrei (ed), Prostituion i Norden, TemaNord 2008:604.)

Natürlich müssen die Käufer in die Pflicht genommen werden: Gewalt, Vergewaltigung müssen bestraft werden und auch die Ausnutzung einer Zwangslage, genauso wie unterlassene Hilfeleistung. Das gesetzliche Instrumentarium, das zwischen strafbaren Handlungen im Zusammenhang mit Prostitution und selbstbestimmter Sexarbeit unterscheidet, gibt es. Die Käufer in die Pflicht zu nehmen heißt aber auch, dafür zu sensibilisieren, woran sich erkennen lässt, ob eine Person zur Prostitution gezwungen wird; denn es sind schon heute nicht selten Freier, die die Behörden auf Opfer aufmerksam machen.

Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel allgemein brauchen als ersten Schritt ein gut ausgebautes Beratungsangebot,einen niedrigeschwelligen Zugang zur Gesundheitsversorgung, Aufstockung passgenauer Ausstiegsangebote, Stellen und Personen, zu denen sie Vertrauen aufbauen können. Ihnen muss ein Aufenthaltsrecht unabhängig von ihrer Aussagebereitschaft im Strafverfahren gewährt werden. Gerade Opfer von Zwangsprostitution sind häufig schwer traumatisiert. Es kann nicht erwartet werden, dass sie dafür auch noch vor Gericht gezerrt werden. Um Menschenhandel eine zentrale Grundlage zu entziehen, braucht es sichere und legale Einreisewege nach Deutschland.

Die Liste ließe sich noch um einiges erweitern. Ich schlage vor, dass wir – damit meine ich im weiten Sinne linke Feminist*innen – uns erst einmal mit den Bedingungen befassen, die Menschen in der Prostitution für Ausbeutung und Gewalt verletzlich machen und Maßnahmen zu ihrer Beseitigung ergreifen. Lasst uns das doch erst einmal angehen, anstatt unsere Kraft und Energie in eine uns spaltende Debatte zu investieren.

Oder drückt sich in der Prostitution einzig und allein der männliche Besitz- und Herrschaftsanspruch über Frauen aus und wird hier die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat auf die Spitze getrieben? Kurzum, Sexarbeit und Prostitution treffen den Kern unseres Miteinanders, da sie Sexualität, Selbstbestimmung und unser Geschlechterverhältnis berühren.

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Siehe auch:
– Sexarbeit: Warum ein Verbot nicht richtig ist
– Antrag: Selbstbestimmungsrecht von Sexarbeiter*innen stärken, Drucksache 18/7236