Leihmutterschaft

Die Corona-Krise macht Missstände und Widersprüche sichtbar, die es auch vor Ausbruch der Pandemie gab, die aber weniger offen zu Tage getreten sind. So auch im Bereich der Reproduktionsmedizin. Die Bilder von dutzenden Babys aus der Ukraine, die von Leihmüttern geboren wurden und nun aufgrund veränderter Grenzbestimmungen nicht von den Auftraggeber*innen aus anderen europäischen Ländern abgeholt werden können, sind schockierend (https://www.deutschlandfunk.de/ukraine-internetvideo-loest-debatte-ueber-leihmutterschaft.1773.de.html?dram:article_id=476800).

Sie sind deshalb so schockierend, weil die Analogie zu “bestellt und nicht abgeholt” auf der Hand liegt.  Für mich bestätigt sich hier meine ablehnende Haltung gegenüber Leihmutterschaft: die Gefahr ist zu groß, dass ein kommerzieller Markt geschaffen wird und die Kinder zur Ware werden.

Auch in Deutschland taucht die Forderung nach einer Legalisierung von Leihmutterschaft immer wieder auf. Ein Blick in die Ukraine auch schon vor Corona zeigt, wie schnell ein “Repro-Markt” entstehen kann mit zum Teil wirklich gruseligen Konsequenzen wie All-inclusive-Paketen und genetischen Auswahlmöglichkeiten. Auch unter der Bedingung, dass kommerzielle Leihmutterschaft ausgeschlossen wäre, wie es beispielsweise in den Niederlanden oder Belgien der Fall ist, gäbe es ja etliche Graubereiche (Stichwort: finanzielle Kompensation), die ein Türöffner für eben eine solche Bezahlung wären. Aus einer frauenpolitischen Perspektive ergeben sich darüber hinaus etliche Folgefragen: Wie kann sichergestellt werden, dass die schwangere und gebärende Frau jederzeit das volle Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper hat? Was passiert, wenn sie nach Schwangerschaft und Geburt das Kind behalten möchte?

Die heterosexuelle, lebenslange Zweierbeziehung ist immer noch zentrales Leitbild der Familien- und Sozialpolitik hierzulande, obwohl sie immer mehr an Bedeutung für den Lebens- und Beziehungsalltag vieler Menschen verliert. Wir wollen anstattdessen die Anerkennung und Ermöglichung unterschiedlicher Familienformen.

Deshalb fordern wir in unserem Wahlprogramm unter anderem auch, dass Co-Elternschaft rechtlich abgesichert werden muss, denn zum einen sind es nicht immer nur die biologischen Eltern, die wichtige Bezugspersonen für Kinder sind und zum anderen macht die Festschreibung, dass Eltern immer nur zwei Personen sein müssen, angesichts sich wandelnder Beziehungsweisen immer weniger Sinn. Zentral ist dabei auch, dass sich alle Elternteile – ob biologisch oder sozial – gleichberechtigt begegnen und so die gemeinsame Zukunft und die Art des Zusammenlebens aushandeln können. Leihmutterschaft hingegen bedeutet immer ein asymmetrisches Verhältnis mit Abhängigkeiten, in dem ein solcher Aushandlungsprozess auf Augenhöhe eben kaum möglich ist.

Zum Weiterlesen möchte ich an dieser Stelle ein Positionspapier unter dem Motto „Für reproduktive Rechte“ von feministischen Wissenschaftlerinnen, Publizistinnen und Journalistinnen empfehlen: https://gen-ethisches-netzwerk.de/stellungnahmen/januar-2020/fuer-reproduktive-gerechtigkeit

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