Die diesjährige Frauenfahrt: „Stadtteilmütter“, „BALANCE“ und „Goldrausch“

Gastbeitrag von Gabi Gschwind-Wiese

@ Gabi Gschwind-Wiese

Wir müssen früher los als sonst. Auf der Strecke nach Hamburg baut die Bahn. Einige sind bereits zu nachtschlafender Zeit in den Bus, den Zug, das Auto gestiegen, um rechtzeitig in Kiel zu sein. Aber jetzt, kurz nach sieben, sind alle da, bis auf diejenigen die bald unterwegs noch zusteigen werden. Kann losgehen, Abfahrt!

Berlin Hauptbahnhof. Am Bahnsteig empfängt uns der Betreuer des Bundespresseamtes, wir folgen ihm zum Bus. Es ist richtig, richtig heiß und drückend. Im Bus faucht die Klimaanlage gegen die Hitze an.

Nach dem Mittagessen fahren wir zum Bundestag. Es bleibt noch etwas Zeit, sich rund ums Brandenburger Tor die Füße zu vertreten, oder auf den Bänken, den Tiergarten im Rücken, einen Schwatz zu halten. Mit Blick auf’s berühmte Tor.

Es geht zum „Sicherheitscheck“ in den Containern am Fuß der Reichstagstreppen. Wir kommen  glücklicherweise gleich dran. Normalerweise warten hier riesige Menschentrauben, aber heute ist’s vielen Touristen wohl schlicht zu heiß. Wir kommen fix rein und durch, nur ein Taschenmesserchen und eine Glasflasche müssen warten, dürfen nachher aber wieder abgeholt werden.

Im Bundestag herrscht noch Sommerpause. Ideal, um im Plenarsaal was umzubauen, aber nicht ideal für Vorträge auf der Tribüne. Dafür geht‘s gleich woanders hin, zuvor gibt’s von der Besucherebene aus aber wenigstens einen Blick hinunter in den Plenarsaal und hinauf in die Kuppel und rüber zum Adler.

In knapp einer Stunde Vortrag erfahren wir viel über die Historie des Gemäuers und die Arbeitsabläufe des Parlamentes. Dann geht es eine Etage weiter nach oben auf die Fraktionsebene. Zwischenzeitlich hat sich uns Conni angeschlossen. Großes Hallo. Viele der Teilnehmerinnen kennen sie bereits, haben sie auf Veranstaltungen gesehen oder bei einem ihrer Termine vor Ort in Schleswig-Holstein bereits kennen gelernt.

Conni spricht darüber, worum es ihr beim Politikmachen geht, was sie antreibt, dass sie etwas für und mit den Menschen bewegen will und nicht aus dem stillen Kämmerlein heraus. Netzwerken und mit den Menschen, den Betroffenen direkt sprechen, ist ihr deshalb so wichtig. Auch hier und jetzt im Rahmen dieses Gruppenbesuches. Sie berichtet aus ihrer aktuellen, parlamentarischen Arbeit und erzählt von der Dienstreise, die sie jüngst nach Süd-Afrika führte, von taffen Frauen, die sich trotz beklemmend bedrückender Umstände in Organisationen und Projekten für eine bessere Zukunft engagieren. Die Gruppe diskutiert munter, fragt nach, erzählt aus eigenem Erleben. Für das Gespräch ist eine Stunde angesetzt, aber nach einer Stunde und zehn Minuten sind alle immer noch voll dabei. Hilft nichts, ich muss Conni ein Zeichen geben, weil der gemeinsame Fototermin drängt und für weitere Gespräche gibt es noch jede Menge Gelegenheiten. Conni wird uns zu fast allen Terminen begleiten.

Den Bundestagsbesuch beenden wir auf der Kuppel. Über Berlin flirrt selbst jetzt gegen Abend die Luft. In der Kuppel kann man ganz bis nach oben hinauf, aber die meisten von uns ziehen den Besuch der Terrasse vor und genießen von dort den Anblick der tollen Glas- und Stahlkonstruktion und den Blick über Berlin.

Wir trödeln mit dem Bus durch den Berliner Stadtverkehr und fahren dann an einem der vielen Kanäle entlang hinaus nach Tempelhof. Unser Hotel liegt zwar ganz in der Nähe des Flughafens, aber Tempelhof hat Nachtflugverbot, Ohrstöpsel können im Koffer bleiben. Nach dem Abendessen gibt es einen klasse, alkoholfreien Cocktail neben dem Pool. Und nette Gespräche. Und vor allem: Liegestühle.

Unser Montagsbesuch beginnt beim Bundespresseamt. Wir sind verabredet mit Ines Schmidt und Maria Macher. Ines ist Connis Pendant im Berliner Abgeordnetenhaus, also Frauenpolitische Sprecherin der dortigen Linksfraktion. Maria Macher leitet das Projekt „Stadtteilmütter“, um das es in den kommenden anderthalb Stunden gehen wird und für das sich Ines auf politischer Ebene seit Jahren stark macht. So wie Ines spricht, wird gleich klar, diese Frau macht ihr politisches Ding mit Leib und Seele. Was für eine Powerfrau und dabei so herzlich und bodenständig und mit richtig viel „Berliner Schnauze“.

Im Projekt Stadtteilmütter werden bislang arbeitslose Mütter nicht deutscher Herkunft zu zentralen Fragestellungen aus den Bereichen Erziehung, Bildung und Gesundheit qualifiziert, um ihr Wissen dann als „Stadtteilmütter“ im Bezirk Neukölln an andere Familien ihrer Communities weiterzugeben. Dabei geht es um Spracherziehung, Schulsystem, aber auch Kinderrechte oder Geschlechterrollen. Das Projekt läuft nun schon über mehrere Jahre. Es ist vor Ort ein voller Erfolg. Elf besonders erfahrene Stadtteilmütter arbeiten mittlerweile als  Integrationslotsinnen sogar in Festanstellung beim Projekt. „Stadtteilmütter“ muss bundesweit Schule machen!

Mit Stephan Nachtwey von “Balance”

Am Nachmittag fahren wir nach Friedrichshain. Dort hat neben einer Einkaufspassage das Berliner Familienplanungszentrum „BALANCE“ seinen Sitz. Wir werden vom Geschäftsführer Stefan Nachtwey herzlich begrüßt. Im Flur ist extra für uns ein kleines Buffet aufgebaut mit allerlei Durstlöschern und Obst und Kuchen. Nachtwey und seine Kolleg*innen stellen uns vor, was das Zentrum macht, wie es arbeitet, aufklärt, berät. Bei BALANCE findet man alles unter einem Dach: Es gibt Sexualpädagog*innen, Psycholog*innen,  Sexualtherapeut*innen, eine gynäkologische Praxis und alle arbeiten Hand in Hand und unterstützen Ratsuchende. Wer etwas wissen will zum Thema Sex, Schwangerschaft und Familienplanung, der findet die Antwort hier. Regelmäßig sind auch ganze Schulklassen zu Besuch. Neben Nachtwey sprechen zwei seiner Kolleginnen aus den Bereichen Sexualberatung und Sexualpädagogik. Anschließend werden wir durch die Räume geführt.

Zum Abendessen sitzen wir vor dem „Suriya Kanthi“, auf den Tellern allerlei Fantastisches aus der Küche Sri Lankas, während über uns der Berliner Himmel was ganz eigenes zusammenbraut. Aber immerhin lässt das anrückende Gewitter uns doch noch die Zeit, das Essen zu genießen.

Das nächtliche Gewitter hat ein paar Pfützen zurückgelassen, aber von Abkühlung keine Spur. Heute ist Tag drei unserer Fahrt, am Nachmittag geht’s zurück nach Schleswig-Holstein, aber zuvor werden wir noch einen Blick auf Berlin ganz besonderer Art werfen: Wie lebt und arbeitet es sich hier eigentlich als Künstlerin?

Unterwegs steigt Susanne zu. Sie macht seit vielen Jahren Stadtführungen, ein Job, den sie sehr, sehr liebt, aber den sie auch braucht. Sie ist bildende Künstlerin, doch davon kann sie nicht leben. Der Bus hält an der Landsberger Straße und Hannah Kruse von „Goldrausch“ steigt ein zum Interview. Hannah ist von Beruf Kunstwissenschaftlerin und Kulturmanagerin und leitet das Projekt „Goldrausch“. Es existiert bereits seit 1989. In ihm lernen Künstlerinnen, wie sie professionell und erfolgreich auf dem Kunstmarkt agieren können, wie sie Netzwerke knüpfen und ihre Arbeiten öffentlichkeitswirksam präsentieren. Spannend die Tatsache, dass junge Frauen zwar überproportional in den entsprechenden Ausbildungsgängen an den Akademien zu finden sind, aber nach wie vor immer noch stark unterrepräsentiert in namhaften Ausstellungen oder bei wichtigen Kunstpreisverleihungen.

Nach Hannah schnappt sich Eva Dittrich das Mikro. Die junge Frau arbeitet künstlerisch im Bereich Fotografie, Objektkunst, Installationen. Während der Bus sich in Richtung Oranienburger Straße auf den Weg macht, erzählt Eva, wie sie derzeit von Goldrausch unterstützt und gefördert wird und wie hilfreich das alles für sie ist. Sie reicht einen kleinen beeindruckenden Katalog herum. Ihre Arbeiten. Den Katalog hat sie eben zusammen mit „Goldrausch“ konzipiert.

Dann erreichen wir die Produzentinnengalerie „Scotty“. Dort treffen wir Henrieke Ribbe vom Künstlerinnenkollektiv “3 Hamburger Frauen”, die sich in ihren Arbeiten vor allem mit dem gesellschaftlichen Bild der Mütter und Frauen und Diskriminierungen in der Kunstwelt beschäftigen. Hier in den Räumen des nebenbei kleinsten Kreuzberger Stadthauses zeigen sie zur Zeit ihre Ausstellung “In a Gadda Da Diva”. Auch mit Henrieke führt Susanne ein kurzes Interview, von dem mir besonders die Passage im Kopf hängen bleibt, dass das Arbeiten im Kollektiv ihr eine schlicht entspannte Schwangerschaft ermöglichte. Sie konnte einfach pausieren, denn da waren ja noch die beiden Kolleginnen.

Drei Frauen und ein Mann. Der letzte Stopp führt uns in die oberen Ausstellungsräume des Museums für Gegenwartskunst im Anhalter Bahnhof. Dort stellen zur Zeit drei Künstlerinnen und ein Künstler aus. Alle jünger als 40, alle aktuell in Deutschland lebend und arbeitend und alle für den renommierten Preis der Nationalgalerie nominiert, der alljährlich im Herbst verliehen wird. Sehr interessante Arbeiten. In vielen geht es um das Verhältnis von Mensch und Natur.

Und zu guter Letzt: Fuhr der Zug nicht, aber der nächste ließ nicht lange auf sich warten. Und wenn Euch der Bericht Laune gemacht hat und Ihr auch einmal mitkommen möchtet, dann meldet Euch hier: cornelia.moehring.wk@bundestag.de .

@ Pia Neumann