Viele Weihnachtsfrauen im Haushalt

Kolumne im Neuen Deutschland
Der Streit um die Ladenöffnungszeiten an Heiligabend ist ein Streit um die Verfügung über unsere Zeit. Veröffentlicht am 10. November 2017 in Neues Deutschand

Der Einzelhandelsverband ist panisch: Heiligabend fällt nach elf Jahren auf einen Sonntag, auf den vierten Advent. In den Chefetagen fragt man sich: Können die Umsatzsteigerungen der letzten Jahre gehalten oder noch weiter hoch getrieben werden, wenn am 24. Dezember vormittags nicht eingekauft werden kann? Auch, wenn es sicherlich einige Menschen gibt, für die es geradezu ein Horror ist, drei Tage mal nicht einkaufen gehen zu können oder für drei Feiertage am Stück, ist diese Frage für die allermeisten sicherlich kein schlafraubendes Problem. Vor allem denjenigen, die nicht wissen, ob sie sich überhaupt einen Weihnachtsbaum leisten können, sind die Umsätze der Einzelhandelsbranche zu recht herzlich egal.

Der Streit um die Ladenöffnungszeiten ist es dennoch nicht. Denn bei dieser Auseinandersetzung geht es um etwas viel Grundsätzlicheres. Es handelt sich bei den Ladenöffnungszeiten um einen uralten Machtkampf – den bisher schubweise die Wirtschaft für sich entschied: 1989 wurde im Westen der „lange Donnerstag“ erfunden. Ab 1996 durften von Montags bis Freitags Geschäfte bis 20 Uhr öffnen. 2002 kippte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder schließlich auch den Ladenschluss am Sonnabend. Einkaufen rund um die Uhr ist heute fast schon Normalität, dank Internet sowieso. Aber noch gibt es Grenzen, die jetzt erneut angegriffen werden. Und es lohnt, sie zu verteidigen. Warum? Es geht um die Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Und damit um die alte Macht- und Eigentumsfrage: Wem gehört unsere Zeit? Wie oft und wie lange habe ich dem Arbeitgeber zur Verfügung zu stehen?

Die Kirchen, in dieser Frage immer enge Partnerinnen der Gewerkschaften, wurden leider erfolgreich beruhigt. Denn während die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen keine Öffnung von Ladengeschäften am 4. Advent erlauben, ermöglichen andere Länder den Verkauf für drei Stunden – zum Gottesdienst muss dann geschlossen sein.

So verlieren aber die Kirchen wie auch diese Landeregierungen die Hunderttausenden Frauen aus dem Blick, für die Weihnachten jedes Jahr echter Stress bedeutet. Als Verkäuferinnen und Kassiererinnen, aber auch und vor allem als Familienmanagerinnen. Denn seien wir mal ehrlich: Es ist größtenteils immer noch Frauensache, dass Weihnachten überhaupt funktioniert. Dass sich Familien treffen, dass es ausreichend und gutes Essen gibt, dass Geschenke für alle da sind, dass ein Baum geschmückt wird. Weihnachtsmänner gibt es nicht; Weihnachtsfrauen in fast jedem Haushalt.

Man kann das alles ablehnen, Weihnachten doof und spießig finden, als Kommerz abstempeln – und sich damit diesem Gesellschaftskonflikt entziehen. Aber das geht an der Realität vieler Menschen vorbei: Denn Weihnachten ist in der DNA dieser Gesellschaft fest verankert. Vor allem, wenn Kinder da sind. Und damit Großeltern und Urgroßeltern, die, wenn sie die Möglichkeiten haben, dafür gut Geld ausgeben.

Und deswegen ist es genau richtig, dass die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di – deren Mitglieder zu über 50 Prozent Frauen sind – zum Einkaufsboykott am 24. Dezember aufgerufen hat. Erfahrungen und Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass sich die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Ladenöffnungen nicht etwa entspannend auswirkt oder sich Freizeit besser planen lässt, sondern sich vor allem Frauen immer gestresster fühlen. So manche ist am 24. Dezember völlig ausgepowert und möchte vielleicht lieber zwölf Stunden am Stück schlafen – macht aber gute Miene, weil ja Weihnachten ist.

Wenn die Geschäfte am Sonntag, den 24. Dezember, geschlossen haben, werden sicherlich keine Arbeitsplätze gefährdet, wie Arbeitgeber nun scheinheilig in die Debatte einbringen, denn das eine Prozent des Weihnachtsumsatzes, das am 24.12. erzielt wird, ließe sich locker umverteilen. Für die (Weihnachts-)Frauen bedeutet ein freier Heiligabend mehr Ruhe und Verfügung über die eigene Zeit. Vor allem für die, die täglich im Laden und hinter der Kasse arbeiten. Wenigstens ein paar Stunden lang.

„Ziel muss gesellschaftliche Umverteilung von Arbeit sein“

In einem Statement für die Internetplattform Xing nimmt Cornelia Möhring Stellung zu Fragen der Familienpolitik. Das Hamsterrad dreht sich für viele immer schneller. Das gilt insbesondere für Frauen, die zusätzlich zur Erwerbsarbeit noch immer die Hauptverantwortung für Haushalt, Kinder oder pflegebedürftige Angehörige haben. Sie arbeiten im Schnitt über die Hälfte der Zeit unbezahlt, Männer ca.

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Wir brauchen eine sozialpolitische Revolution!

Norddeutsche Arbeitsrechtstagung am 14. Juli 2017

Cornelia Möhring hat als Bundestagsabgeordnete für DIE LINKE an den norddeutschen Arbeitsrechtstagen teilgenommen, die diese Woche in Travemünde stattgefunden hat. Veranstalter ist das ver.di-Forum Nord gewesen, circa 125 Betriebs- und Personalräte waren anwesend. Das Thema der Podiumsdiskussion lautete: „Das Arbeitsrecht nach den Wahlen“. (mehr …)

Erste Schritte zur Umverteilung von Arbeit und Zeit

Bericht vom Fachgespräch der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag zu Zeitpolitik

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Prof. Dr. Jutta Allmendinger

Das Ziel, Menschen in sämtlichen Lebensbereichen zu ermöglichen, über ihre Zeit – weitestgehend – selbstbestimmt verfügen zu können, ist ein Kernstück linker feministischer Zeitpolitik. Es geht dabei um nicht weniger, als Zeit für das ganze Leben zu haben: Zeit für Erwerbsarbeit, für Sorgearbeit, für Kultur, Bildung, politische Einmischung, letztendlich aber auch zum Faulenzen. Die Frage, wie wir dieser Utopie im Hier und Jetzt durch Umverteilung von Arbeit und Zeit näher kommen können, war der Ausgangspunkt für das Fachgespräch der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag „Zeitwünsche und Zeiterfordernisse im Lebensverlauf. Strategien zur Aneignung von Arbeitszeit als Lebenszeit“ am Freitag, den 14. Oktober, bei dem entsprechend unterschiedliche Ansätze vor- und zur Diskussion gestellt wurden.

Ein zentraler Punkt, der sich als Art Leitfaden sowohl durch die In-Puts der Referentinnen und Referenten aber auch durch die Beiträge der Teilnehmenden zog, war der Anspruch, gesellschaftliche Teilbereiche nicht isoliert, sondern in ihren Zusammenhängen zu denken. Oder wie es Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag formulierte: „Die Utopie ist dabei eine Art Kompass für die praktischen Handlungsschritte. Durch diesen Kompass wissen wir, dass es uns nicht nutzt, diese Bereiche alleine zu verfolgen.“

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Begrüßung von Cornelia Möhring
Fachgespräch „Zeitwünsche und Zeiterfordernisse im Lebensverlauf. Strategien zur Aneignung von Arbeitszeit als Lebenszeit“ am 14.10.2016
(es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Gäste,

ich freue mich, Sie und euch heute hier zu unserem Fachgespräch „Zeitwünsche und Zeiterfordernisse im Lebensverlauf. Strategien zur Aneignung von Arbeitszeit als Lebenszeit“ begrüßen zu dürfen. Freue mich über das große Interesse.

Für uns (Frauen in der) LINKEN ist die „Zeitpolitik“ ein grundlegend wichtiges Politikfeld. In den Kämpfen um Zeit stellt sich die Eigentumsfrage und das ist eine der Grundfragen einer linken emanzipatorischen Politik.

Wer verfügt über unsere Zeit? Und damit nicht nur über unsere Arbeitskraft, sondern auch über unsere Möglichkeiten zur Einmischung in gesellschaftliche  Veränderungen und zur Teilhabe insgesamt? Die Debatte um die Zukunft der Arbeit – meist unter den Stichworten Arbeit 4.0, Digitalisierung der Arbeit geführt – hat die Frage nach der Verteilung von Arbeit und Zeit neu belebt. Vor allem den gewerkschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Diskurs. Die Flexibilisierung von Arbeitsorten und Arbeitszeiten im Zuge neuer technischer Möglichkeiten ist dabei höchst zweischneidig:

Auf der einen Seite ermöglicht es vielen – neue Spielräume zur freieren Gestaltung der Gesamtarbeitszeit – insbesondere auch Frauen.

Auf der anderen Seite gehen damit aber auch verstärkt Ansprüche von Arbeitgebern nach ständiger Erreichbarkeit, nach ständiger Verfügbarkeit einher. Und diese neuen Möglichkeiten, Arbeit und familiäre Verpflichtungen zu vereinbaren heißen im Endeffekt eben meistens auch:

Noch mehr wird in einen Tag gepresst. Das Hamsterrad dreht sich noch schneller.

Die vollständige Begrüßung hier.

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Fachworkshop Zeitsouveränität

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Fachworkshop zu Zeitsouveränität im Bundestag

Ich lade alle Interessierten herzlich ein, zu dem Fachworkshop meiner Fraktion zum Thema „Zeitwünsche und Zeiterfordernisse im Lebensverlauf. Strategien zur Aneignung von Arbeitszeit als Lebenszeit“ am 14.10.2016 von 11-15 Uhr.fg-zeit

Immer mehr Beschäftigte wünschen sich mehr Entscheidungsspielräume über Lage, Ort und Umfang ihrer Erwerbsarbeit, aber auch in Hinblick auf ihren Lebenslauf. Denn Zeitbedürfnisse verändern sich je nach Alter, Gesundheit und/oder familiärer Situation.

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Zeitsouveränität ist mehr als Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Rede_Zeit_GrüneBündnis 90/Die Grünen haben einen Antrag mit dem Titel „Zeit für mehr – damit Arbeit und Leben besser zusammen passen“ ins Plenum gebracht – ein richtiges Anliegen. Doch leider diskutieren die Grünen dieses wichtige Thema vor allem als Vereinbarkeitsthema. Arbeit und Lebensweise gehören aber untrennbar zusammen und Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit. Echte Zeitsouveränität geht nur mit einer Umverteilung von Arbeit und Zeit. Deshalb will DIE LINKE nicht nur verkürzte und flexiblere Erwerbsarbeitszeiten und Unterstützung für verschiedene Arrangements zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und der pflegerischen Infrastruktur.

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Lotta Nr. 13: Banden bilden – Aufbruch der Frauen!

Aktionen von, mit und für Frauen. 100 Jahre Frauenwahlrecht.
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Unterwegs

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Berichte von der Delegationsreise nach Island und Schweden
Von 22.-27. Mai 2016 befand ich mich auf einer Delegationsreise der Deutsch-Nordischen Parlamentariergruppe in Island und Schweden. Zum Blog

Berichte von der Frauenrechtskommission in New York
Als frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Delegationsleitung des Familienausschusses im Bundestag nehme ich vom 9.-13. März 2015 an der Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen in New York teil.  Zum Blog