Mittwoch, Vormittag. Der Zug durchfährt Mecklenburg-Vorpommern. Sonnenstreifen tauchen die vorbeiziehende Landschaft in zartes Pastell.
In Hamburg sind die letzten zu uns gestoßen. Jetzt sitzen wir in Wagen fünf des ICE Richtung Berlin und machen uns miteinander bekannt. Die meisten von uns sind Genossinnen und Genossen aus den verschiedenen Landesteilen Schleswig-Holsteins und ein gutes Drittel ist linkspolitisch interessiert, aber (noch) nicht Mitglied; Altersspektrum Anfang 30 bis in die Achtziger, Hälfte Frauen, Hälfte Männer.
Der ICE fährt pünktlich in den Berliner Hauptbahnhof ein. Am Bahnsteig erwartet uns eine freundliche, ältere Dame mit kurzen, grauen Haaren. Frau Timm. Sie wird uns die nächsten drei Tage im Auftrag des Bundespresseamtes begleiten.
Unser Programm beginnt mit dem Besuch der Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ am historischen Ort der Zentralen von Gestapo, SS, Sicherheitsdienst und Reichssicherheitshauptamt. In vier Gruppen aufgeteilt durchwandern wir die Ausstellung, beschäftigen uns dabei mit Aufbau und Rolle von SS und Polizei im „Dritten Reich“ und den besetzten Gebieten. Unter anderem wird uns das Instrument der „Schutzhaft“ ausführlich erklärt, mit der die Gestapo willkürlich inhaftierte und deportierte.
Nach dem Mittagessen fahren wir zum Jüdischen Museum im Stadtteil Kreuzberg. Es feiert in diesen Wochen sein zehnjähriges Bestehen. Der Besucherandrang ist groß und international. Als angemeldete Gruppe müssen wir nicht Schlange stehen, aber ein bisschen warten, bis jemand kommt, um uns den Einführungsvortrag zu halten.
Das Museum dokumentiert die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Daniel Libeskind, der Architekt, hat dafür eine außergewöhnliche Architektur geschaffen – beeindruckend, manchmal irritierend, manchmal verstörend. Das Haus lebt, was es beherbergt und dokumentiert: Jüdische Geschichte in Deutschland seit Beginn des Mittelalters, eine Geschichte vom Miteinander und Nebeneinander und immer wieder von Ausgrenzung, Vertreibung, Tod und Exil. Aber das Haus eröffnet auch den Blick in die Gegenwart und vor allem in die Zukunft - ein Ort der Hoffnung.
Gegen Abend erreichen wir das Hotel. Conni kommt. Sie isst mit uns zu Abend. Wir tauschen uns über das Erlebte und Gesehene aus. Conni bringt Neuigkeiten mit: Während wir in Sachen politischer Bildung unterwegs waren, hat de Maizière die Katze aus dem Sack gelassen. Am Nachmittag hat der Minister bekannt gegeben, welche Kasernen im Zuge der Bundeswehrreform geschlossen werden. Lütjenburg ist dabei. Gesprächsstoff. Unter uns sind einige LütjenburgerInnen.
Donnerstag früh. Besuch im Karl-Liebknecht-Haus. Tanju Tügel und Christel Rajda empfangen uns in der Parteizentrale der LINKEN. Es gibt einen Film zur wechselvollen Geschichte des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz, dann spricht Tanju über die LINKE, ihre Vorgängerinnen PDS und WASG, nennt aktuelle Daten und Fakten, beantwortet Fragen. Am Ende hat die Partei sogar ein Mitglied mehr: Heino, herzlich willkommen!
Es geht weiter zum Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kurz „BMFSFJ“. Wir gucken noch einen Film. Frau Schröder steht früh auf und geht spät zu Bett, berät sich mit ihren MitarbeiterInnen, bekommt Akten zum Unterzeichnen vorgelegt, besucht einen Kindergarten, eröffnet irgendwas. Frau Schröder hat einen Laptop und dessen fruchtige Marke prangt sekundenlang im Bild. Fettes Productplacement in einem dünnen, mit öffentlichen Geldern produzierten Film. Irgendwie frech.
Nach der Abblende möchte jetzt der junge Mann vom Besucherdienst des Ministeriums was vortragen, aber das klappt nicht so recht. Zu viele Fragen. Gleichstellung, Jugendhilfe, Rente ab 67, Pflege, Kindertagesstätten. Die Antworten sind unbefriedigend, die Themen purzeln durcheinander. Also diskutieren wir untereinander, das ist spannender.
Zum Mittagessen fahren wir mit dem Aufzug in den Himmel über Berlin. Das Essen wird uns in luftigen 208 Metern serviert. Wir sitzen im Restaurant des Berliner Fernsehturms am Alex. Während sich das Restaurant gemütlich um die Achse des Turmes dreht, schauen wir in die Tiefe und in die Weite. Der Ausblick ist grandios! Der Nachtisch übrigens auch.
Am Nachmittag dann die Stadtrundfahrt. Am „Checkpoint Charly“ lachen wir über das alberne Tamtam, dass man heutzutage für die Touris dort veranstaltet. Die Bude der Wachsoldaten ist aufgehübscht, davor posieren ein paar Pseudo-Grenzer, daneben Verkaufsstände mit „Hammer und Sichel“ auf Russenmütze und „Stars and Stripes“-Fähnchen.
Dann fahren wir weiter durch die Stadt, hören viel Interessantes und manch amüsante Anekdote. Zum Abschluss streift unser Stadtführer mit uns durch die „Hack’schen Höfe“. Sie sind in der Dämmerung wunderschön beleuchtet.
Freitag. Am Mittag werden wir Berlin wieder verlassen, doch bis dahin haben wir noch ein toughes Programm: Besichtigung des Reichstages mit Besuch des Plenums und einem Treffen mit Conni und dem obligaten Fototermin.
Im Plenum wirbt Umweltminister Röttgen für sein neues Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz, unser Abgeordneter Ralph Lenkert hält dagegen. Das Gesetz bezeichnet er als faulen Kompromiss, weil es den Kommunen schlussendlich doch bloß vorgaukle, sie könnten mit Entsorgung und Recycling künftig ihre Einnahmen erhöhen. Der Recyclingindustrie ließe man genug Hintertürchen offen, Stichwort: Lohndumping.
Dann sitzen wir mit Conni im Besucherraum. Sie berichtet von ihrer parlamentarischen Arbeit und beantwortet Fragen zu aktuellen bundespolitischen Themen, insbesondere zu ihrem Fachbereich Frauen- und Gleichstellungspolitik. Sie plaudert aber auch über menschliche Aspekte eines Politikerinnenlebens, etwa, dass man mit politischen KontrahentInnen privat durchaus gut klar kommen kann, obwohl man bei politischen Auseinandersetzungen knallhart aufeinander losgeht.
Es folgt unser letzter Programmpunkt: Gruppenfoto unter Reichstagskuppel. Klick!
Früher Nachmittag, der Bus hat uns zum Bahnhof gebracht und der Catering-Service „Butterstulle“ bringt uns zum Abschied leckere Lunchpakete. Mit Futtern vertreiben wir uns das Warten auf den Zug, und der ein oder die andere kauft in allerletzter Minute noch ein Mitbringsel. Dann wird unser Zug angekündigt und wir sagen: „Tschüß Berlin!“.
Diesen Reisebericht hat geschrieben:
Gabi Gschwind-Wiese, Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro Kiel-Plön
PS: Danke an alle, die mitgefahren sind! Es hat mir viel Freude gemacht, Euch auf der Fahrt zu begleiten.