22.9.: Gleichstellung im Kulturbetrieb

150922 Kunst trifft Politik A3

Meine Kollegin Sigrid Hupach, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, und ich diskutierten gestern (22.9.) mit den beiden Künstlerinnen Bettina Schoeller-Bouju (die für die erkrankte Tatjana Turanskyj eingesprungen war) und Mathilde ter Heijne über Strategien, wie wir die Gleichstellung im Kulturbetrieb erreichen können. An der Sachlage ist dabei wenig zu rütteln: Ob als Regisseurin bei Film und Fernsehen oder als bildende Künstlerin – auch in der Kunst, wo scheinbar alles erlaubt ist, gibt es die „gläserne Decke“ für Frauen. Die Organisation Pro Quote Regie, in deren Vorstand Bettina Schoelle-Bouju aktiv ist, nennt drastische Zahlen: trotz 42% weiblichen Filmhochschulabsolventinnen gehen 11% der Aufträge für Primetime-Sendeplätze an Frauen – beim ZDF-Herzkino sind es zumindest 14%, bei Tatort allerdings nur 9%. Der deutsche Filmförderfonds gab im vergangenen Jahr nur 7,5 Mio. seiner 60 Mio. an Regisseurinnen. Auch Mathilde ter Heijne, die die bildende Kunst als noch viel freier beschrieb als das Metier des Films, berichtete von der männlich geprägten Galerienlandschaft. Als Schafferin der „Temporären Autonomen Zone“, einem Kunstprojekt ihres Frauenkollektivs ff collaborations, plädierte sie daher für freie Räume, in denen wir uns unsere eigenen Regeln schaffen können.

Daraus entspann sich schnell eine rege Diskussion, in die auch das Publikum miteinstieg: wie können wir Kollektive bilden, in denen wir uns entfalten können? Wie können wir aber gleichzeitig aus solchen Nischen Netzwerke machen, die in die Gesellschaft hineinwirken und die Strukturen verändern können? Wie können wir all das machen innerhalb eines Systems, das uns oft prekär zurücklässt und in dem wir bisher für unsere finanzielle Unabhängigkeit viele Kompromisse machen müssen?

Einig waren wir uns darin, dass dieser Abend ein gelungener Anfang für ein gemeinsames Netzwerk war.

 

Ankündigunstext:

Auch im Jahr 2015 gilt: je lukrativer, spezialisierter und besser bezahlt eine Arbeitsstelle, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mann sie bekommt. Dieses Ungleichgewicht besteht auch im Kulturbetrieb. Im Bereich Film wurden zuletzt weniger als 15% der TV-Regieraufträge an Frauen vergeben, bei fast ausgeglichener Geschlechterverteilung an den Filmhochschulen. Die Initiative „Pro Quote Regie“ fordert deshalb eine Quotierung der Aufträge.

Doch lässt sich dieses Instrument für öffentliche Gremien und neuerdings auch Aufsichtsräte von Unternehmen überhaupt auf den Kunstbetrieb übertragen? Adressiert es die Ursachen des Problems – oder wird damit am Ende vielleicht nur ein Leistungsprinzip unterstützt, das weder Männern noch Frauen dient, sondern im Sinne des ökonomischen Systems steht?

Diese und weitere Fragen nach dem Ausweg aus einer gesamtgesellschaftlichen Misere und den Inhalten einer „feministischen Kulturpolitik“ wollen wir gemeinsam mit unseren Gästen diskutieren.

Mathilde ter Heijne, Künstlerin, Mitbegründerin der „f f collaborations“

Sigrid Hupach, MdB, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

Cornelia Möhring, MdB, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

Tatjana Turanskyj, Filmemacherin, Autorin und Mitinitiatorin „Pro Quote Regie“

Dienstag, 22. September, 19:30 Uhr
Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Franz-Mehring-Platz 1
10234 Berlin

+++ öffentliche Veranstaltung +++ Eintritt frei! +++