10. Februar 2012 Silke Mahrt

Erschreckende Zahlen zum Analphabetismus in Deutschland

Im Jahr 2012 endet die Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen. Deutschland hat sich vor zehn Jahren dazu verpflichtet, die Zahl der (funktionalen) Analphabeten drastisch zu reduzieren, doch wurden bisher keine nennenswerten Erfolge erzielt. Dies ist das Ergebnis der Studie „leo. – Level-One Studie“ von 2010 im Auftrag des BMBF, die als erste Studie in Deutschland die Größenordnung des Analphabetismus unter der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland untersuchte. Die Studie von Anke Grotlüschen und Wibke Riekmann kommt zum Ausmaß des Analphabetismus in Deutschland zu folgendem erschreckenden Ergebnis:  

Analphabetismus im engeren Sinne betrifft mehr als 4 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren (Alpha-Level 1 und 2). Das entspricht einer Größenordnung von 2,3 Millionen Menschen. Hier wird die „Satzebene“ unterschritten, d.h. die Personen können zwar einzelne Wörter lesend verstehen bzw. schreiben, nicht jedoch ganze Sätze. Gebräuchliche Wörter müssen Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt werden. 300 000 Menschen können noch nicht mal ihren Namen schreiben.  

Funktionaler Analphabetismus betrifft kumuliert 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung (Level 1 bis 3). Das entspricht einer Größenordnung von 7,5 Millionen Menschen in Deutschland. Hier wird die „Textebene“ unterschritten, d. h. die Personen können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Betroffene Personen sind nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben oder am Arbeitsleben angemessen teilzunehmen, sie können z. B. schriftliche Arbeitsanweisungen nicht lesen und verstehen. 

Die meisten funktionalen Analphabeten haben die Schule besucht und dabei das Lesen und Schreiben unzureichend gelernt oder infolge fehlender Anwendung später wieder verlernt. Sie sind im Alltag mit vielen Hürden konfrontiert, da sie z.B. selbstständig keine Fahrpläne lesen, keine Bewerbungen schreiben, keine Zeitung lesen können. Sie versuchen, ihr Problem aus Scham und Angst soweit es geht zu verbergen und haben über Jahre kreative Strategien entwickelt, um ihren Alltag auch ohne Schriftsprachkompetenz zu meistern. Trotzdem leiden sie unter sozialer Isolation und haben durch ausschließende Erfahrungen mit Behörden, Kollegen etc. ein negatives Selbstbild entwickelt.  

Im Rahmen einer Anhörung des Bundesministeriums für Bildung, Forschung und Technologiefolgeabschätzung wies Frau Grotlüschen daraufhin, dass es sich bei den Zahlen von LEO um einen sehr konservativen Ansatz handelt, da nur die Kohorte zwischen 18 und 65 Jahren erfasst wurde. Bei den über 65jährigen ist mit einem sehr hohen Anteil funktionaler Analphabeten zurechnen. Außerdem zeigen die PISA-Untersuchungen, dass auch bei den 15jährigen etwa 20 Prozent bereits deutliche Defizite im Bereich Lesen, Schreiben und Textverständnis zeigen. 

Andere europäische Länder haben dieses Thema bereits seit längerem auf der Agenda und bereits signifikante Erfolge erzielt. So wiesen in der Anhörung sowohl die geladenen Vertreter von Instituten, DGB und Handelskammer als auch viele Abgeordnete immer wieder auf die Erfolge Großbritannien in diesem Zusammenhang hin. Großbritannien hat in den letzten zehn Jahren mehr als 3,6 Milliarden in Projekte zur Alphabetisierung investiert und konnte den Anteil der funktionalen Analphabeten um zehn Prozent senken. Die englische Skills for Life Strategy zeigt, dass von 2003 bis 2011 die Zahlen deutlich verbessert wurden:Die mit dem Alpha-Level 3 vergleichbare Gruppe ist von 10,8% auf 7,8% gesunken;die mit dem Alpha-Level 4 vergleichbare Gruppe ist um 10 Prozentpunkte gesunken (39,5% auf 28,5%). 

Hauptträger der Alphabetisierung in Deutschland sind die Volkshochschulen, die 90 Prozent aller Alphabetisierungskurse anbieten. Sie erreichen mit ihrem Angebot jährlich etwa 20.000 Menschen. Die Nachfrage nach diesen Kurs steigt jeweils stark an, wenn das Thema medial präsent ist. Für einen Ausbau der Alphabetisierungsangebote benötigen die Volkshochschulen aber dringend Unterstützung zum Beispiel bei der Qualifikation der Lehrkräfte. Die Kosten für die Alphabetisierung liegen nach Angabe eines Vertreters des Volkshochschulverbandes bei etwa 4.700 Euro pro Teilnehmer. 

Die Stiftung Lesen machte noch einmal deutlich:

Von den Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Kommunen für Bildung, Forschung und Wissenschaft entfielen im Jahr 2007 147,8 Milliarden Euro auf das Bildungsbudget (laut OECD Studie 2011 betrugen die Bildungsausgaben 4,7% des BIP – im Vergleich zu 5,7% des BIP im Durchschnitt der OECD Länder). Von diesen Bildungsausgaben wurden 114,2 Milliarden Euro für Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Berufsbildungseinrichtungen und Hochschulen ausgegeben. Offenbar zu wenig, denn die privaten Haushalte mussten zur gleichen Zeit 5,1 Milliarden Euro für Nachhilfeunterricht und Lernmittel aufbringen (Statistisches Bundesamt, Bildungsfinanzbericht 2010) – ein Betrag, dessen Höhe in Europa einmalig ist. Damit wird bereits Grundbildung zu einem Wohlstandprivileg. Dies belegen auch die Angaben des OECD Berichts: Bildung auf einen Blick 2011 (OECD-Indikatoren. S. 281).Um das Problem des Analphabetismus in Deutschland wirkungsvoll zu begegnen sind daher verstärkte Anstrengungen aller politischen Ebenen auch finanzieller Art notwendig. 

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. forderte eine verlässliche Planung für die nächsten zehn Jahre. Nur so ist es möglich, ein breites Angebot auch in der Fläche anzubieten. Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Strategie zur Alphabetisierung und Grundbildung in der Praxis auch umzusetzen. Gefordert wird ein Ausbau der Kursplätze auf 100.000. Notwendig sind mehr und bessere Lernangebote für alle Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht,Nationalität und Herkunft. Diese müssen für Interessierte erreichbar und bezahlbar sein. 

Da 57 Prozent der Betroffenen zur Zeit einer Erwerbstätigkeit nachgehen, sind auch die Arbeitgeber gefordert. Sie sollten sowohl innerhalb ihrer Unternehmen Alphabetisierungs-angebote machen als auch die Träger der Alphabetisierungsmaßnahmen finanziell unterstützten. Auch eine Freistellung von der Arbeit zum Besuch von Alphabetisierungskursen ist anzustreben. In diesem Zusammenhang wies Frau Grotlüschen darauf hin, dass internationale Studien der OECD belegen, dass eine Steigerung der Lese-Rechtschreibkompetenz bei einem Prozent der Bevölkerung zu einer Produktivitätssteigerung von 2,5 Prozent führt. 

Funktionale Analphabeten arbeiten überwiegend im Bereich Baugewerbe und Reinigung sowie als un- bzw. angelernte Produktionshelfer. Allerdings gibt es auch unter den Auszubildenden mit sechs Prozent einen signifikanten Anteil funktionaler Analphabeten. Von einem hohen Anteil funktionaler Analphabeten unter den Erwerbslosen ist auszugehen. Hier kann und muss auch die Agentur für Arbeit entsprechende Angebote vorhalten. 

Frau Grotlüschen wies außerdem darauf hin, dass alle bei LEO festgestellten Benachteiligungsfaktoren zu Lasten von Frauen gehen. Bei Herausrechnen aller Benachteiligungsfaktoren ergibt sich jedoch trotzdem ein höher Betroffenenanteil bei Männern. Dies zeigt deutlich: „Das Lesen verliert an Wert, seit es von Frauen erobert wurde!“ 

LEO ermittelte bisher keine Zahlen für die einzelnen Bundesländer. Trotzdem kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass es in Schleswig-Holstein 73.000 Analphabeten plus 180.000 funktionale Analphabeten gibt. Schleswig-Holstein investiert in diesem Bereich zur Zeit jährlich 225.000 Euro davon 123.000 EsF-Mittel. Damit werden jährlich Alphabetisierungsmaßnahmen in SH für 600 Personen durch die Volkshochschulen gefördert.  

Von allen Teilnehmenden wurde darauf hingewiesen, dass verbale Bekenntnisse der Politik nicht mehr ausreichen. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen. 

(Formaler) Analphabetismus führt zu prekärer Beschäftigung und zu prekären Lebensverhältnissen. Ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen und Schreiben ist eine gesellschaftliche Teilhabe unmöglich. Analphabetismus ist ein Beteiligungs- und Demokratiehindernis und darf nicht nur im Zusammenhang mit Fachkräftemangel betrachtet werden. LINKE Politik fordert die Teilhabe aller. Alphabetisierung ist  Grundvoraussetzung einer sozial gerechten, demokratischen Politik und Menschenrecht. Nicht nur in den unterentwickelten Ländern sondern gerade auch hier in Deutschland. 

Silke Mahrt