„Menschen im Hartz IV Bezug haben viel zu sagen.“

Harzt IV-Hearing der Linksfraktion am 4. Juni 2018
Gastbeitrag von Susanne Triepel, Bloggerin aus Berlin und ein Interview mit ihr

„Ich war sehr gespannt, was mich dort erwartet. Ich habe sehr viel gelernt, erfahren und mitgenommen. Das lag auch daran, wie offen, konstruktiv und positiv der Austausch aller Beteiligten war. So viele Biographien in Deutschland werden seit der Einführung von Hartz IV negativ beeinflusst und erschüttert.

Auch durch das Damoklesschwert der Sanktion, das ungute Macht- und Entscheidungsverhältnisse fördert und einschüchtert. Die Menschen im Hartz IV Bezug bleiben in der Regel unsichtbar und leise, oder werden als „laute“ Stereotype in den einschlägigen Medien verheizt. Daher ist es wichtig, ihnen mehr Stimmen zu geben.

Ich sollte für die Gruppe der Alleinerziehenden sprechen. Erwerbsarbeit und Kinder vertragen sich nicht gut in Deutschland, das merkt man spätestens, wenn man sich trennt. Viel zu viele Alleinerziehende stocken auf mit dem Risiko später altersarm zu sein, weil sie trotz beruflicher Qualifikation kein Einkommen erwirtschaften können, dass ein Kind ernährt. Es ärgert mich sehr, wie man über Mütter mit Hartz IV spricht, so als wäre das die Quittung dafür, dass man nicht belastbar genug ist, oder – auch oft gehört – der falsche Partner gewählt wurde und man damit selbst schuld ist.

Dass Menschen im Hartz IV Bezug viel zu sagen haben, und teilhaben wollen, das hat dieses Hearing eindrucksvoll gezeigt. Das pädagogische Konzept der Sanktion ist völliger Irrsinn, ich glaube an die Menschen und an das Prinzip der Selbstermächtigung und Teilhabe. Hartz IV ist eine bleischwere Decke, die Menschen und ihre Möglichkeiten massiv nach unten drückt. Der Anspruch, jeden so schnell wie möglich aus Hartz IV zu bringen, blendet individuelle, nachhaltigere Optionen aus. Hartz IV ermöglicht stattdessen, dass Millionen Eltern und Kinder in Armut leben, oder Sanktionsmaßnahmen gegen Eltern das Kindswohlprinzip aushebeln. Und es trifft immer mehr Familien mit Erwerbseinkommen. Das darf nicht sein. Kein Wirtschaftsboom in Deutschland rechtfertigt diesen Zustand.


Fragen an Susanne:

Warum hast Du Deinen Blog gestartet? 

2014 habe ich meine Job als Projektleiterin in einer Agentur für Kommunikation verloren. Ich musste mich mit dem Zustand „Arbeitslosigkeit“ länger auseinandersetzen als gedacht. Freundinnen motivierten mich: Mensch schreib doch über deine Erfahrungen einen Blog, das geht so vielen Frauen ähnlich. Anfangs sollte es nur über berufliche Vollbremsungen, Brüche in der Biografie und Yoga als Lebensretter gehen. Dann hat das Karma zugeschlagen: ich habe einen befristeten Job gefunden. Ich schrieb trotzdem weiter nebenbei für meinen Blog. Manchmal mehr, manchmal weniger, je nachdem was in meiner Erwerbsbiografie gerade wieder für eine Phase ansteht. 

Wie sind Deine – guten und schlechten – Erfahrungen damit?

Die guten Erfahrungen sind, dass ich Reichweite habe = einmal hatte ich plötzlich 500.000 Menschen auf dem Blog übers Wochenende, weil ich mich über fehlende Vereinbarkeit echauffiert habe. Ich schreibe sehr persönlich und mit viel Humor über Dinge, die wehtun, so kann ich Mütter erreichen und mobilisieren. Der Blog verbindet sehr viele Menschen. So haben wir ( = 7 Alleinerziehende) kürzlich einen Tag vor Muttertag eine Demo gegen Kinderarmut organisiert. Ich war sehr überwältigt von dem Medienecho und der Solidarität. Dietmar Bartsch war auch da. Ich finde Familienpolitik wahninnig wichtig und Feminismus knorke. Spätestens wenn man Mutter wird, weiß Frau, dass diese Themen viel öfter auf die politische Agenda müssten bzw. in die Köpfe der Frauen, weil es fast unmöglich ist in unserem Land, Erwerbsarbeit, Kinder und ein ausreichendes Einkommen gut zu kombinieren. Als Nischenblog habe ich die Freiheit diese Themen zu behandeln, inhaltlich kann ich machen, was ich will. Ich muss auch keine Sponsoren erfreuen. Geld verdient man so allerdings nicht, da müsste ich als Bloggerin auch Anti-Aging-Masken testen oder Spielzeug, das keiner braucht. Das ist schwierig für mich, ich hab ein gutes Verhältnis zu meinen Falten und ein sehr kritisches Verhältnis zu Sponsoring und Konsum. Ich hab wahrscheinlich zu viele Jahre mit Lobbyisten zu tun gehabt und Yoga 😉 

Warum bist Du in DIE LINKE eingetreten?

Mit der Linken sympathisiere ich schon lange. Nach der letzten Bundestagswahl bin ich eingetreten – gleich am Montag nachdem ich die Wahlergebnisse gelesen hab und einkaufen war. Ich wohne nämlich quasi gleich um die Ecke von Frau von Storch, jedes Mal wenn ich sie beim Einkaufen sehe oder wie sie in die Limousine vom Fahrdienst steigt, hopst die Humanistin in mir bis zur Decke bzw. aus der Hose. Ich möchte hier keine österreichischen Verhältnisse. Und ich finde mehr Mütter müssen in die Politik.

Weitere Informationen zum Hearing am 4. Juni