What can I do to change it? Ein Besuch bei Stígamót – Zentrum für Überlebende sexuellen Missbrauchs und Gewalt in Reykjavík

Reykjavík, 31. Mai 2018
Island-Reise, 1. Tag

Im „Traumland der Gleichstellung“ ist sicherlich Gewalt an Frauen kein großes Problem. Oder etwa doch? Wie steht es um Gewalt an Frauen in Island? Das möchte ich auf dieser Reise erfahren, und deswegen war unser erster offizieller Termin gestern in Island mit Gudrún Jónsdóttir, Leiterin von Stígamót, einem Zentrum für Überlebende sexuellen Missbrauchs und Gewa

Gudrun leitet seit vielen Jahren Stígamót und engagiert sich für Frauenrechte in Island. Ganz nach dem Motto: Was kann ich tun um es zu ändern? Eine hilfreiche Einstellung, denn auch in Island passieren Vergewaltigungen, sexueller Missbrauch und andere Formen von sexualisierter Gewalt. 2009 lag Island europaweit sogar auf Platz 2 bei den angezeigten Vergewaltigungsfällen mit 35 Vergewaltigungen auf 100.000 Einwohner*innen. Dies kann aber auch daran liegen, dass die Anzeigenbereitschaft in den nordischen Ländern generell als höher gilt als in den anderen europäischen Staaten.

Seit 1990 haben fast 8000 Klient*innen die Hilfe von Stígamót in Anspruch genommen. 98 Prozent von ihnen waren Frauen, aber auch für Männer bietet Stígamót Unterstützung und Empowerment an. Die Zahlen belegen: Das Gleichstellungsparadies ist leider keine Insel der Glückseligkeit für Frauen.

Von daher ist es folgerichtig und wichtig, dass Island vor zwei Monaten – wie Deutschland auch – die Istanbul Konvention ratifiziert hat. Sie ist die umfangreichste Menschenrechtskonvention zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt und beinhaltet zahlreiche rechtlich bindende Vorgaben zum Schutz und zur Unterstützung von Gewaltbetroffenen. Mittlerweile haben 28 Staaten die Konvention ratifiziert.

Die häufigste Gewalt an Frauen ist in Island wie anderswo auch häusliche Gewalt. Aus diesem Grund werden wir heute das einzige isländische Frauenhaus besichtigen und uns über deren Arbeit informieren.

Neben sexualisierter und häuslicher Gewalt sind auch Prostitution und Menschenhandel ein Problem für Frauen in Island. Gudrun berichtet, dass Prostitution in Island seit 2009 verboten ist. Analog zum Schwedischen Modell werden nicht die Prostituierten, sondern die Freier bestraft. Das Anbieten ist legal. Auch Gudrun hatte sich damals für diese Gesetzesänderung eingesetzt. Doch wir haben Zweifel, inwiefern ein Verbot den Frauen wirklich hilft. Laut jüngeren Berichten hat Prostitution in Island nicht ab-, sondern zugenommen. Die Dienste werden auf Escort-Seiten im Internet und über die sozialen Medien angeboten. Deren Zahl ist zuletzt sprunghaft angestiegen ist. Es wird davon ausgegangen, dass viele Frauen lediglich für 5-10 Tage ins Land kommen bzw. gebracht werden: Sie nehmen selten Hilfe in Anspruch. Wenn aber doch, sind die Mitarbeiterin von Stígamót für sie da.

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