Gleiche Bezahlung für alle?

Reykjavik, 2. Juni 2018, Island-Reise, 3. Tag

Aufgrund der hohen Gleichstellungsquote in Island besteht ja durchaus ein Grund für die Annahme, dass Männer und Frauen in Island gleich bezahlt werden und es keine Lohnunterschiede gibt. Immerhin ist Island ja auch seit vielen Jahren auf Platz 1 des „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums. Doch selbst hier bestehen immer noch Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Der Unterschied zu Deutschland: die Regierung möchte diesen Missstand nicht mehr hinnehmen und hat letztes Jahr als erstes Land weltweit ein Gesetz zur Entgeltgerechtigkeit beschlossen. Das Gesetz ist seit Anfang des Jahres in Kraft und hat das Ziel, bis 2022 die Lohnlücke zu schließen. Private und staatliche Unternehmen ab 25 Beschäftigten sind dazu verpflichtet, alle drei Jahre eine Zertifizierung über die Gleichbezahlung von Männern und Frauen zu erlangen. Unternehmen, die das nicht vorweisen können, müssen bis zu 400 Euro pro Tag Geldbuße zahlen.

Zeigen sich jetzt schon, knapp ein halbes Jahr nach dem Inkrafttreten des Gesetzes, erste Fortschritte? Gegen welche Widerstände wurde das Gesetz durchgebracht? Und was können wir davon für Deutschland lernen? Darüber unterhielten wir uns gestern mit Thorsteinn Viglundsson, dem ehemaligen Sozialminister und quasi Vater des Gesetzes, mit Frida Rós Valdimarsdóttir, Vorstandsvorsitzende der isländischen Frauenrechtsorganisation und mit Katrín Bjorg Ríkhardsdóttir, der Leiterin des nationalen Gleichstellungsbüros, die für die Überprüfung des Gesetzes zuständig sind.

Diskutiert wurde in Island schon lange darüber, dass die Lohndifferenz geschlossen werden muss. 2008 startete der gemeinsame Prozess von Beschäftigten, Arbeitgeber und Regierung. Immerhin sind 90 % der Beschäftigten in Island Mitglied einer Gewerkschaft. Die Stärke der Gewerkschaft wirkt sich natürlich auf die Durchsetzungskraft aus.

Als 2012 eine Probephase startete, war es zunächst schwierig dafür private Unternehmen zu gewinnen. Die privaten Unternehmen mussten etwas „befördert“ werden, erzählt Thorsteinn Viglundsson augenzwinkernd und „die Arbeitgeber wussten, wann sie verloren haben“. Als ehemaliger Präsident der Arbeitgebervereinigung wusste er wohl zu überzeugen, auch wenn vor allem öffentliche Unternehmen zuerst an den Start gingen. Hauptargument der Gegner war der Bürokratieaufwand, besonders für die kleinen Betriebe. Die haben nun deutlich länger Zeit für die erste Zertifizierung.

Welches Argument war denn das überzeugendste für das Gesetz, gegen das mit einer Beweislastumkehr und empfindlichen Strafen ja nicht so einfach zu verstoßen ist, wollen wir erfahren.

Dafür muss man wissen, dass es in Island – im Gegensatz zu Deutschland – jeder und jede gebraucht wird. Das ist gesellschaftlich auch spürbar. Ausgrenzung aus der Erwerbsarbeit kann sich dort niemand leisten. Es gibt auch keine Teilzeit oder nur in seltenen Fällen.

Deshalb gab es die große Sorge, dass die Frauen eine Lohndifferenz von immerhin 15-20% nicht hinnehmen, mehr Zeit für Familienarbeit aufwenden und dem Arbeitsmarkt fehlen. Und – weniger Gehalt bedeutet mehr staatliche Unterstützung, zum Beispiel wenn die Frauen mit 30% weniger Rente in den Ruhestand gehen.

Eine einfache Rechnung also, wird uns erläutert. Die Kosten für die Gesellschaft sind schlicht zu hoch, wenn die Lohnlücke nicht geschlossen wird. Der gesellschaftliche Konsens und die Haltung zur Gleichstellung musste aber, wie alle Frauenrechte, auch in Island erkämpft werden.

Die großen Frauenstreiks (zuletzt 2010 mit über 50.000 Frauen) haben die Veränderung gebracht. Und heute ist durch die Diskussion über das Gesetz zur Entgeltgleichheit der Blick auf weitere Ungerechtigkeiten gelenkt.

Das Gesetz selber beschreibt Thorsteinn als „sehr simpel“. Es erklärt ungleiche Bezahlung für illegal. Jeder Betrieb muss einen Index entwickeln, mit dem nachgewiesen wird, dass Frauen wie Männer gleich bezahlt werden. Wird der Index nicht vorgelegt oder gibt es ungleiche Bezahlung, wird eine Geldstrafe für jeden Tag erhoben, bis der Mangel abgestellt ist.

Schwerer sei es gewesen die Standards zu definieren und das größte Risiko ist, dass Unternehmen versuchen den „gender pay gap“ zu erklären und nicht ihn zu schließen. Sie legen die Bewertungskriterien nämlich selber fest.

Mit dem Gesetz zur Entgeltgleichheit in Island ist es lediglich möglich die Lohnlücke innerhalb der Betriebe bzw. Unternehmen zu schließen. Branchen werden nicht erfasst und auch keine gleichwertige Arbeit.

Meine Kritik, dass es doch besonders wichtig sei auch die gleichwertige Arbeit zu vergleichen und typische Frauenarbeit aufzuwerten, wird in unserer Diskussion bestätigt. Katrin hat bereits erste Erfahrungen aus den Diskussionen in den Unternehmen und erzählt uns, dass es durchaus Arbeitgeber gibt, die Schwierigkeiten fürchten, weil sie die Zusatzleistungen für Männer nun nicht mehr rechtfertigen können.

Und Frida berichtet, dass mittlerweile viel intensiver über eine Veränderung des Arbeitsmarktes diskutiert wird. Da die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männer Tätigkeiten immer Ergebnis einer ungleichen Bezahlung sei, dauere dieser Prozess noch etwas länger.

So ist es. Ich wäre froh, wenn wir in der Bundesrepublik wenigstens schon so weit wären wie unsere isländischen Kolleginnen und Kollegen. Wir bleiben im Gespräch und ich bin gespannt auf die weitere Umsetzung des ersten Equalpay Gesetzes in Europa.

zurück zum Reiseblog