Gewalt an Frauen ist in Irland Chefinnensache

Reykjavík, 1. Juni 2018
Island-Reise, 2. Tag

Auf meiner Reise durch Island habe ich das Glück, starke und beeindruckende Frauen kennenlernen zu dürfen, die sich sehr engagiert für Frauenrechte einsetzen. Sowohl in der täglichen Arbeit mit Frauen, die Gewalt erlebt haben, wie auch in den höchsten politischen Ämtern: Gestern haben Ulle Schauws (auf dem Foto links) und ich uns mit der isländischen Premierministerin Katrín Jakobsdóttir (auf dem Foto in der Mitte) über gleiche Bezahlung, Parität und über Gewalt an Frauen in Island ausgetauscht.

In dem Gespräch hat mich vor allem beeindruckt, dass Jakobsdóttir die Bekämpfung von Gewalt zur Chefinnensache gemacht hat. Für die Umsetzung der Istanbul-Konvention (ein rechtlich bindendes Menschenrechtsinstrument, das die Vertragsstaaten dazu verpflichtet, zahlreiche Maßnahmen zur Bekämpfung und zum Schutz von Frauen vor Gewalt umzusetzen) hat die Premierministerin eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingerichtet, die bei ihr angesiedelt ist. So viel Einsatz würden wir uns von Angela Merkel auch mal wünschen!

Ein Frauenhaus für ganz Island

Mich interessiert aber nicht nur, was die Regierung gegen häusliche Gewalt unternimmt, sondern wie das Hilfesystem in Island konkret aussieht. Daher besuchten Ulle und ich gestern das einzige isländische Frauenhaus und sprachen mit der Leiterin Sigbrúdur Gudmundsdóttir (auf dem Foto rechts). Sibrúdur leitet seit zwölf Jahren das Frauenhaus, das 1982 gegründet wurde. Sie erzählte uns, dass häusliche Gewalt auch in Island weit verbreitet ist. 22 Prozent der Frauen haben schon einmal Gewalt durch einen Partner erlebt, das sind fast genauso viele wie in Deutschland. Diese hohen Zahlen werden aufgrund der hohen Gleichstellungrate in Island auch das „nordische Paradox“ genannt.

Das einzige Frauenhaus Islands hat nur 18 Plätze und im letzten Jahr 150 Frauen und 100 Kinder aufgenommen. Die Anzahl der Plätze sind dennoch ausreichend; es musste noch nie eine hilfesuchende Frau abgewiesen werden. Trotzdem spüren sie auch in Island, dass viele Frauen länger im Frauenhaus verweilen, weil sie auf dem – auch dort angespannten – Wohnungsmarkt keine Wohnung finden. Das Problem gehen die Isländerinnen aber ganz pragmatisch an. Der Trägerverein des Frauenhauses gründet momentan ein Übergangsheim, in dem die Frauen bis zu drei Jahre kostenlos wohnen können. Diese Idee werden wir mit nach Deutschland nehmen. Müssen doch in Deutschland jährlich tausende Frauen und deren Kinder abgewiesen werden, weil die Frauenhäuser überfüllt sind.

Die 13 (sic!) Mitarbeiterinnen kümmern sich aber nicht nur um die erwachsenen Bewohnerinnen, sondern auch um deren Kinder, zum Beispiel durch Trauma- und Präventionsarbeit. Dazu gibt es ein wunderbares Video

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