Hamburg: Mit Herz und Verstand für Frauenrechte

Im Gespräch mit Chrizzy, die durch das Container-Projekt der Hambruger Caritas wieder einen Ort zum Wohnen hat: Geschützt und autonom.Zwei Tage war ich in Hamburg unterwegs und habe verschiedene soziale Frauenprojekte besucht. Habe mit Sozialarbeiter*innen gesprochen und mit Frauen, denen in schwierigsten Lebenslagen geholfen wird. Und es wurde deutlich: Ein Riesenproblem ist,  dass es auch in Hamburg eine unfassbar große Wohnungsnot gibt und der rotgrüne Senat es nicht geschafft hat, ausreichend Wohnraum für Menschen, die prekär leben, zur Verfügung zu stellen. Davon gibt es immer mehr. Und auch, wenn jedes einzelne Schicksal ein Skandal an sich ist, weil nicht gut geholfen wird, sind es die Frauen, die mehr und heftiger betroffen sind. Und deutlicher ausgegrenzt werden. Aber es gibt viele Organisationen, die helfen. Mit Spenden, mit engagierten Ehrenamtlichen, tollen Sozialarbeiter*innen, mit Anlaufstellen. Es sind Angebote, die helfen, zu überleben. Aber auch, damit die Würde nicht verloren oder wiedergewonnen wird. So wie Chrizzy, hier auf dem Foto zu sehen, die in einem der Container lebt, de als Überlebensschutz mitten in der Stadt platziert ist.

Von links: Julian, Nico, Conni und Andrea stehen vor einer großen Collage, die Frauenporträts zeigt – und die Aussage thematisiert: Obdachlosigkeit hat jedes Gesicht.

Containerprojekt der Caritas Mein Weg führte mich zunächst zur Caritas, wo Andrea Hniopek (auf dem Foto ganz rechts) und ihr Team im Bereich Existenzsicherung dazu beitragen, Frauen an das Hilfesystem heranzuführen. Andrea ist bereits fast 30 Jahre lang in dem Bereich tätig und hat miterlebt, wie die Not immer weiter angewachsen ist. In 2018 war eines ihrer vielen tollen Projekte, Container für Frauen, die auf der Straße leben, sogar für den Clara-Zetkin-Frauenpreis nominiert. Aber auch ein Zahnmobil, eine Krankenstube, ein Stromspar-Check oder eine Schwerpunktpraxis bietet die Caritas in Hamburg Menschen zur konkreten Lebenshilfe an.

Das Wirken der Straßensozialarbeit der Caritas fällt in den niedrigschwelligen Gesundheitsbereich. So werden Menschen unabhängig von Geschlecht oder Herkunft angesprochen, viele aus Osteuropa. Es ist ein Parallelsystem zu den steuerlich finanzierten Hilfestrukturen. Viele Menschen haben keinen Anspruch darauf – sind aber trotzdem da. Nico (neben mir auf dem Foto links) sagt, sie seien perspektivlos und würden den Weg in die offiziellen Hilfesystem gar nicht mehr finden, seien auch oft nicht versichert. So würden viele auch einfach auf der Straße sterben – ein unglaubliches Elend. Auseinandergegangen sind wir mit der gemeinsamen Einschätzung, dass eine übergreifende Hilfe nötig wäre.

Kirsten “Kirsche” Rautenstrauch und ich vor dem Dorothee-Sölle-Haus in Altona.

Frauenhaus der Diakonie Anschließend bin ich zur Diakonie gefahren und habe mit der Leiterin und einer Mitarbeiterin des Diakonischen Frauenhauses gesprochen. Kirsten Rautenstrauch (neben mir auf dem Foto), die für DIE LINKE in Altona direkt für die Bürgerschaft kandidiert, hat mich begleitet. Die Diakonie leitet eines von fünf Frauenhäusern in Hamburg. Insgesamt stehen in der Stadt 194 Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung. Das sei viel zu wenig, sagen die beiden, es müssten nahezu doppelt zu viele sein. Gut ist natürlich, dass es bald (wieder) ein weiteres Frauenhaus geben soll, das 32 Plätze haben und barrierefrei sein wird. Aber es reicht bei weitem nicht aus. Das findet auch die Bürgerschaftsfraktion der LINKEn. Cansu Özdemir, die Fraktionsvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin, hat dies oft thematisiert und eingefordert.

Wir haben uns über die Problematik der Finanzierung aller Frauenhäuser ausgetauscht und wie sinnvoll es wäre, wenigstens ein Haus mit einer offenen Adresse zu haben. Die Geheimhaltung hat nicht nur Vorteile. Vorbilder gibt es in den Niederlanden und auch hierzulande wird das ausprobiert, zum Beispiel in Lübeck. Eine offene Flanke sei es, berichtet Stefanie, die Leiterin, dass es keine Frauenhausangebote für suchterkrankte Frauen gäbe. Hier besteht unmittelbarer Handlungsbedarf.

Plakat, das in den Räumen von Ragazza hängt.

Ragazza Meine nächste Station war Ragazza in St. Georg. Saskia und Sonja empfangen uns. Ragazza gibt es bereits viele Jahre und setzt sich als Verein neben der Sozialarbeit auch für die Rechte von Sexarbeiter*innen ein. St. Georg liegt hinter dem Hauptbahnhof. Seit gut 150 Jahren gibt es dort Prostitution. Alle Versuche, die Sexarbeiter*innen zu vertreiben, hat nicht zum zweifelhaften Erfolg geführt, sondern im Gegenteil ihre Arbeits- und Lebensbedingungen immer weiter verschärft. Dennoch fordern einige Bewohner*innen des Stadtteils, die heute zu sündhaft hohen Mieten in top renovierten Altbauwohnungen leben, weiterhin deren Vertreibung. Es gibt aber auch viele St.Georgianer*innen, die sich für ein Leben der Vielfalt in ihrem Stadtteil einsetzen, darunter auch die Mitglieder der LINKEn vor Ort.

Der Dogenkonsumraum von Ragazza.

Ragazza ist eine Anlaufstelle für drogenkonsumierende Prostituierte. Sie bekommen Beratung, können sich in den gemütlichen Aufenthaltsräumen ausruhen. Es gibt die Möglichkeit der ärztlichen Untersuchung aber auch Schlafplätze stehen zur Verfügung. Ebenso gibt es eine Begleitung, wenn sie aus der Sexarbeit aussteigen wollen. Wichtig ist, dass die Frauen in einem Raum (siehe Foto) ihre Drogen konsumieren können – geschützt und unter hygienischen Bedingungen. Die Sozialarbeiterinnen können über die neuesten Vorstöße für ein so genanntes Sexkaufverbot nur die Köpfe schütteln. Allein der Ansatz, dass es sich bei Prostituierten immer um Opfer handeln würde, sei grundfalsch. Sie erleben selbstbewusste starke Frauen, die genau wissen, was sie wollen – aber natürlich dennoch Hilfe benötigen. Jede Art der Repression schwächt aber ihre Stellung, auch gegenüber den Freiern. Ragazza versucht die Frauen handlungsfähig zu halten und zu machen, dass sie ihre Rechte kennen. Das sei der einzige Weg. Stattdessen müssen die Frauen aber immer wieder ins Gefängnis, weil sie ihre Bußgelder nicht bezahlen können, die sie von der Stadt wegen des Anbahnungsverbotes verhängt bekommen.

Beusch bei der LAG Feminismus. Auf dem Foto sind neben mir viele Kandidatinnen zu sehen, darunter die Abgeordneten Cansu Özdemir und Dr- Carola Ensslen.

Kandidatinnen der LINKEN Hamburg zur Bürgerschaftswahl 2020, darunter Maya Klaasen, Dr. Carola Ensslen, Cansu Özdemir, Suzana Kamperidis, Lara Scheunemann.

LAG Feminismus DIE LINKE Hamburg Abends war ich bei der LAG Feminismus der LINKEn Hamburg. Dort stehen die Zeichen ganz auf Wahlkampf, am 23. Februar sind in Hamburg Bürgerschaftswahlen. Bei dem Kopf-an-Kopfrennen des amtierenden Bürgermeisters und der grünen Spitzenkandidatin wird leider übersehen, wie wichtig Opposition für die Demokratie ist und dass man sich keinesfalls nur einen der beiden entscheiden muss. Opposition wirkt, das hat DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft – wie auch im Bundestag und in anderen Landtagen und kommunalen Parlamenten oft bewiesen. Seit fünf Jahren wird die Fraktion DIE LINKE von einer weiblichen Doppelspitze – Cansu Özdemir (auf dem Foto vorne) und Sabine Boeddinghaus – geführt. So selbstverständlich und erfolgreich kann linke Frauenpower sein!

BIlder eines Fotoshootings, bei dem sich die Frauen aussuchen durften, wie sie abgebildet werden wollen. Schräg, lustvoll, kreativ.

Kemenate in Eimsbüttel Mein zweiter Tag startete bei KEMENATE, dem einzigen Tagestreff Hamburgs nur für wohnungs- und obdachlose Frauen. Hier stehe ich zwischen zwei Bildern, die bei einem Foto-Shooting entstanden sind und Frauen zeigen, die Besucherinnen von KEMENATE sind. Sie haben es sehr genossen und Spaß gehabt, berichten uns die Sozialarbeiterinnen, sich so zu verkleiden. Denn wer schlüpft nicht einmal gern in eine andere Rolle?

Bei KEMENATE können Frauen duschen, Wäsche waschen, sich ausruhen, gemeinsam kochen, im Internet surfen. Sie haben hier einen Spind und eine Postadresse – jetzt gerade wichtig für die anstehende Bürgerschaftswahl, auch wenn die Aufnahme in das Wähler*innenverzeichnis davon unabhängig ist. aber die Breifwahlunterlagen können sich Frauen beispielsweise hierher senden lassen. Die Fußpflegerin und Frisörin kommen einmal monatlich, die Ärztin (zwei im Wechsel) wöchentlich. Die Einrichtung hat auch am Wochenende geöffnet. In einem gemütlichen großen Zimmer stehen vier große Sofas, ein Fernseher. Tageszeitungen liegen aus und Bücher zum Lesen. In einer Kleiderkammer können sich Frauen mit frischen Sachen versorgen. Achtung: Bei Interesse, Kleidung zu spenden bitte vorher anfragen, denn die Kleiderkammer ist relativ klein.

Plakat von Kemenate, das auf die Möglichkeit, Patin zu wrden, aufmerksam macht.

Unser Thema war vor allem die Folgen der versteckten Wohnungslosigkeit von Frauen. Die meisten wahren lange den Anschein, wollen nicht auffallen. Ihr Leben auf der Straße oder in Notunterkünften ist ihnen oft nicht anzusehen. Man kann die Betroffenen zudem nicht über einen Kamm scheren, sie haben verschiedene Lebenslagen. Und so sind auch die Ursachen von Wohnungslosigkeit sehr unterschiedlich. Einige von ihnen sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in so eine Situation hätte kommen können!

Dennoch wird den Frauen bis heute eingeredet und sie werfen es sich auch selbst vor, sie seien dafür selbst verantwortlich. Dabei haben viele Gewalterfahrungen, schon seit der Kindheit. Manche leben in Zwangspartnerschaften, um nicht in die Obdachlosigkeit zu fallen. Was sehr wichtig ist: Wer zu KEMENATE kommt, kann anonym bleiben. Jede ist willkommen.

Suchtberatung Frauenperspektiven Unweit von KEMENATE liegt Frauenperspektiven, eine Beratungsstelle für suchterkrankte Frauen. Sie wird von Elke geleitet. 15 weitere Frauen sind Mitglied des Teams – neben Sozialpädagoginnen eine Psychologin, eine Ärztin, eine Psychiaterin. Dort finden Einzelgespräche und Gruppenangebote statt, durchschnittlich kann jede Frau bis zu 18-mal kommen. Ein noch relativ neues Phänomen sei es, berichtet Elke, dass Frauen nach den Wechseljahren in eine Sucht verfallen – Alkohol oder Medikamente. Auch Migration und Sucht ist bei Frauenperspektiven ein großes Thema. Elke zeigt uns die Bado, eine Auswertung, die für Hamburg regelmäßig gemacht wird und eine Art Suchtkompass ist. Sie gibt eine guten Überblick über die Veränderungen in der Suchthilfe. Elke sorgt als Feministin seit langem dafür, dass auch der Genderblick in die Bado einfließt, denn auch Sucht hat ein Geschlecht. Auch hier “gelingt” es Frauen oft und viel zu lange, ihre Problematik geheim zu halten. Die Konsummittel sind verschieden bei den Geschlechtern gewichtet und auch bei der Therapie muss unterschiedlich angesetzt werden. Der Körper einer Frau reagiert ganz anders auf eine Droge oder auf Alkohol als der eines Mannes. Gleiches gilt für die Prävention. Deswegen sind Einrichtungen wie Frauenperspektiven so wichtig. Ein Projekt von Frauenperspektiven ist Kajal, mit dem Mädchen angesprochen werden. Man kann nicht rechtzeitig genug anfangen, über Missbrauch aufzuklären und Betroffene zu erreichen.

Das Flaks Meine letzte Station ist das Flaks. Es ist etwas ganz Besonderes und schon als ich das Haus in Altona betriten, spüre ich diese Atmosphäre: Frauen sitzen zusammen am Tisch, klönen. In der Küche wird gewerkelt, Kinder spielen auf dem Fußboden. Eine Frau stillt ihr Baby. Am Geländer der Treppe, die in die erste Etage führt – und wo sich Büros, Schulungsräume und Spielzimmer befinden, ist mit informativen Plakaten voll gehängt, siehe auch das Foto.

Elke und Julia empfangen uns bei Kaffee und Kuchen. Und erzählen über die Geschichte des Flaks. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen im Stadtteil, vor allem für jene (Frauen), die lange nur zu Hause sitzen. 65 Prozent der Gäste sind Migrantinnen, viele aus der türkischen Community. Es gibt sieben Mitarbeiterinnen und viele, die über den Bundesfreiwilligendienst dazu gekommen sind. Honorarkräfte sichern das Kursangebot ab.

Wer hierher kommt, erhält Angebote, um in Erwerbsarbeit zu kommen. Das sind PC-Schulungen aber auch Empowertrainings. Beratungen bei Bewerbungen und anderes mehr. In dem Fahrradhäuschen, das dicht am Flaks steht, befinden sich Räder, auf denen Frauen Rad fahren lernen können. Das macht sie mobiler und erhöht ebenfalls Job-Chancen. 900 bis 1.000 Frauen kommen jedes Jahr, viele regelmäßig, andere nur ein oder zweimal für eine Schulung. Eine stolze Bilanz! Das Flaks ist zudem ein Mehrgenerationenhaus und ich finde, solche Einrichtungen müssen unbedingt erhalten bleiben. Sie machen das Leben im Stadtteil bunter und bieten eine unverzichtbare Möglichkeit – vor allem für Frauen – sich zu treffen und auszutauschen.

Zwei Tage Hamburg, zwei Tage voller Eindrücke über eine beachtliche Arbeitsleistung und Engagement. Ich danke allen dafür, die sich die Zeit genommen haben, ihre Arbeit vorzustellen. Wir bleiben in Kontakt!