Gewalt gegen Frauen findet täglich und überall statt

Keinerlei Zweifel besteht darüber, dass es absolut nicht hinzunehmen ist, wenn Frauen – wie in der Silvesternacht in Köln offenbar geschehen – von Männergruppen attackiert und sexuell belästigt werden. Ich finde im Übrigen auch jede solcher Einzelgeschehnisse nicht akzeptabel.

Wenn es aber gehäuft und womöglich organisiert zu derartigen Übergriffen kommt, bleibt neben der verständlichen Verstörung, Wut und Empörung auch ein gewisses Maß an Ratlosigkeit und Verunsicherung zurück.

Vermutungen statt Faktenklarheit, Schuldzuweisungen und Verallgemeinerungen führen logischerweise zu einer brisanten Themenverschiebung, Spaltung und Relativierung des gesellschaftlichen Grundproblems.

Das ist in unterschiedlichen Ausprägungen ein Sexismus, der sich durch fast alle Strukturen und Bereiche und somit auch durch die Verhaltensweisen und Moralvorstellungen zieht.

Ohne die „Vorfälle in Köln“ klein zu reden, muss dennoch festgestellt werden:

Gewalt gegen Frauen findet täglich und überall statt. Am Arbeitsplatz, zu Hause, in der Öffentlichkeit, im Internet. Gewalt gegen Frauen hat viele Erscheinungsformen: anzügliche Witze, sexistische Bemerkungen, körperliche Distanzlosigkeit und Übergriffe, Stalking, häusliche Gewalt oder Vergewaltigung. Gewalt gegen Frauen muss gar nicht erst importiert werden, weil sie leider schon lange Realität allzu vieler Frauen ist.

Als vor zwei Jahren die EU-weite Studie zur Gewalt gegen Frauen vorgestellt wurde, mit der immerhin konstatiert wurde, dass auch in Deutschland jede dritte Frau in ihrem Leben körperliche und / oder sexuelle Gewalterfahrungen machen muss – quer durch alle Schichten und in jedem Alter – gab es ein relativ kurzes Zeitfenster des politischen Interesses.

Im Oktober 2012 erschien in der SZ (Süddeutschen Zeitung) ein Artikel unter der Überschrift „Sexuelle Übergriffe auf dem Oktoberfest – Helfer stoßen an ihre Grenzen“. Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe und eine 40-prozentige Steigerung im Vergleich zum Vorjahr, waren das Resultat auf der Wiesn.

Auch hier ein relativ kurzes öffentliches Interesse.

Die Beratungsstellen für von Gewalt betroffene Frauen sind stark belastet und die Frauenhäuser sind überbelegt. Das Hilfesystem wird nicht ausreichend und nicht bedarfsgerecht finanziert. Und obwohl jede vierte Frau von häuslicher Gewalt betroffen ist, fehlt der Rechtsanspruch auf Schutzraum. Sexistische Werbung, die Frauen auf Körper reduziert und zum Sexobjekt macht, gehört zur Normalität.

Nehmen wir die Diskussion um die Verschärfung des Strafrechts im Falle des sogenannten „Vergewaltigungsparagrafen“. Ein „Nein“ reicht bisher nicht aus. Ohne ein weiteres „Nötigungsmittel“ und entsprechende Gegenwehr der Frau bleiben die meisten Täter straffrei.

Eine Verschärfung des Strafrechts in dieser Frage steht schon länger auf der Agenda und ist allerdings bei weitem nicht das Einzige, was dringend angegangen werden muss.

Wir brauchen eine neue Kultur und zwar eine des Respekts vor der Freiheit und der Selbstbestimmung von Frauen.

Ein „nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung von Sexismus und Gewalt“ und zur Herstellung dieser neuen Kultur wäre doch ein sinnvoller politischer Schritt. Damit es kein Papiertiger wird, mit verbindlichen Maßnahmen und ausgestattet mit finanziellen Ressourcen.

Doch hier wird der aktuelle Diskurs schon ganze Arbeit geleistet haben. Über die betroffenen Frauen, wie ihnen konkret geholfen wird und wie sie und andere Frauen gestärkt werden können, gibt es kein Bild – keinen Ton.

Geht es doch mittlerweile um „innere Sicherheit“, „Abschiebung von Kriminellen in ihre Herkunftsländer“, „Asylbewerbern mit BAMF-Papieren“, „überforderte Polizeikräfte“. Und, wie just vom Vizekanzler Gabriel gefordert, „einen starken und gegenüber Ausländern handlungsfähigen Staat“ und seine suggestive Frage: „Warum sollen deutsche Steuerzahler ausländischen Kriminellen die Haftzeit bezahlen?“.

Die Überholspur für rechte Hetzer wird von Mitgliedern der Regierung höchstpersönlich ausgelegt.

Das ursprüngliche Thema der Entrüstung – Sexismus und Gewalt gegen Frauen – erfolgreich versenkt.

Veröffentlichung: The Huffingpost, online am 08.01.2016

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