Für ein Paket Pampers muss meine Mama drei Stunden lang arbeiten

Die Landesarbeitsgemeinschaft betrieb & gewerkschaft der LINKEn Hamburg widmete sich der Frage, ob Frauen anders streiken

Ein Gastbeitrag von Kersten Artus, 5. April 2016

Auf ihrem Kopf thront ein Zauberhut mit breiter Krempe, seine Spitze knickt am Ende leicht nach hinten. Ein großes Medaillon ziert ihren Hals. Ihr rundes, freundliches Gesicht lächelt hinter dem Transparent hervor. „Viel Knüppeln für sehr wenig Gehalt“ steht darauf geschrieben. Einer Sau, die darunter abgebildet ist, schnürt ein Gürtel den breiten Bauch ab. Dagmar und ihre Kolleginnen haben gestreikt. Fünf Monate lang haben die Hauswirtschaftlerinnen beim größten Kitabetreiber Hamburgs, den Elbkindern, für einen höheren Lohn gekämpft. Und weil der Streik in die Faschingszeit fiel, sind sie verkleidet auf die Straße gegangen. Dagmar mit einem Harry-Potter-Hut, andere mit Mäuseohren, Pilzköpfen, Texashüten, Perücken. Und jeder Menge Tamtam. Laut, fröhlich, selbstbewusst.

Streiken Frauen anders? „Frauen haben keine Streiktradition“, sagt Dagmar. Und fügt kämpferisch hinzu: „Aber es hindert uns nichts, sie aufzubauen.“ Das sagt sich so leicht. Denn Frauen haben oft andere Arbeitsbedingungen als Männer. Und andere Einkommen. Weil die 780 Beschäftigten der VKSG – die Servicegesellschaft, in der die Hauswirtschafterinnen angestellt sind –  sich aber auf 182 verschiedene Kitas aufteilen, war es ein ziemlicher Akt, die nötige Aufklärungsarbeit zu leisten, die vor einem Streik unumgänglich ist. Das ist einer der Unterschiede zu typischen Männerberufen in Großbetrieben.

Frauen streiken immer öfter. Während zwischen 2001 und 2015 in der Industrie 600.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind, entstanden im Erziehungs-, Sozial und Gesundheitswesen 1,6 Millionen neue Jobs – 1,2 Millionen werden von Frauen ausgeübt. 2015 ist in Deutschland so viel gestreikt worden wie schon lange nicht mehr, stellte die Hans-Böckler-Stiftung fest. Es gab mehr als zwei Millionen Streiktage, 400.000 mehr als im Vorjahr. 1,1 Millionen Menschen haben gestreikt, 2014 waren es bloß 345.000. Pro 1.000 Beschäftigte fielen 15 Arbeitstage aus.

Wenn Frauen streiken, müssen sie ganz andere Barrieren überwinden. Eine Maschine abzustellen und mit allen anderen vors Tor zu gehen ist das eine. Aber Kita- und Schulkinder oder Patientinnen und Patienten im Stich zu lassen, erfordert viel. Doch treibt die Frauen gerade die Sorge um die Schutzbefohlenen in den Streik. Sie können unter diesen Bedingungen nicht mehr gut versorgt werden. Die durch die Privatisierung hervorgerufene Ökonomisierung der Daseinsvorsorge verschlechtert die Arbeits- und Einkommensbedingungen. Tarifflucht führte zu geringerer Bezahlung, Ausgliederungen von Betriebsteilen zu einem Verlust von Mitbestimmung.

Viele Frauen arbeiten zudem Teilzeit, überproportional viele Alleinerziehende kämpfen Monat um Monat darum, mit dem, was sie verdienen, sich und ihre Kinder zu ernähren. Gerald Kemski, Landessprecher der AG betrieb & gewerkschaft und lange Betriebsratsmitglied, berichtet von einem Erlebnis, das ihn immer noch berührt. Beim Streik der Gebäudereinigerinnen hätte eine afrikanisch-stämmige Frau ihr kleines Kind dabei gehabt. Sie hatte das Kind auf dem Arm und der Junge hielt ein Schild hoch, auf dem Stand: „Für ein Paket Pampers muss meine Mama drei Stunden lang arbeiten.“

Bei den Streiks in den Dienstleistungsbranchen geht es zudem oft um die Aufwertung der Arbeit, um mehr Respekt und Anerkennung. Das seien neben wirtschaftlicher Not Motive für die Frauen, die Arbeit niederzulegen, sagt Cornelia Möhring, Bundestagsabgeordnete der LINKEn. Sie hat lange Jahre Betriebsräte qualifiziert, vornehmlich in Krankenhäusern. „Wenn Frauen streiken, geht es um viel mehr als um Löhne. Es geht um die Existenzsicherung.“

„Frauen kommen anders, aber gewaltig“, sang Ina Deter Ende 1980er Jahre. Ein Ohrwurm, der auch bei Streiks zutrifft, wenn man Gitta zuhört: „Ich bin in die Gewerkschaft eingetreten, weil ich einen höheren Lohn wollte. Dann habe ich gestreikt und plötzlich wurde ich viel politischer, kann vor vielen Menschen reden. Ich gehe zu Bezirksversammlungen, um meine Forderungen vorzutragen, war in der Bürgerschaft zu Gast und jetzt sitze ich sogar bei den Linken in einer Versammlung.“

Cornelia Möhring sieht Potenziale, die noch nicht erschlossen sind. Die Gewerkschaften setzten noch zu sehr auf Lohnkämpfe und hätten noch nicht ausreichend auf dem Zettel, dass mit den Beschäftigten aus migrantischen Communities neue Gemeinsamkeiten entdeckt und genutzt werden können. Neue Bündnisse während Streiks hätten sich schon manches Mal als hilfreich erwiesen, um ein positives Klima in der Bevölkerung zu schaffen. Und um die Unterstützung der Politik zu erreichen

Streiks sind immer politisch. Kirsten, die in einem Krankenhaus arbeitet, beschreibt die Dimension anhand eines Beispiels: Ein Streik um Personalbemessung in Krankenhäusern oder die Abschaffung der pauschalen Vergütungssysteme seien politisch. Dass politische Streiks in Deutschland an sich verboten sind, wundert sie nicht: „Man muss es eben kreativ umgehen.“ Heißt: Das Ziel zur Tarifforderung erheben.

Natürlich arbeiten Frauen auch in der Industrie und haben dort auch gestreikt, ganz selbstverständlich. Historisch ist vieles geschrieben worden zu Frauenstreiks – wenn auch nicht genug. Bekannt geworden ist unter anderem der Streik der Näherinnen im Ford-Werk in Großbritannien Ende der 1960er Jahre durch den Spielfilm aus dem Jahr 2011, „We want Sex“. Er rückt die sexuelle Diskriminierung wie auch den Lohnkampf in den Mittelpunkt. Doch sind die Bedingungen in den Branchen der Daseinsvorsorge anderen Maßstäben unterworfen. Es ist gleichzeitig Wut zu spüren, dass die Möglichkeiten optimaler Versorgung und Betreuung immer schlechter werden – ein Ergebnis rein betriebswirtschaftlichen Denkens, das nur eine hübsche Bilanz im Hinterkopf hat.

Was kann anders und besser gemacht werden? „Frauen haben ein großes Redebedürfnis“, sagt Dagmar. „Die Gewerkschaft kann und sollte der Ort sein, um es zu befriedigen.“ Streiks sind auch Momente, in denen neue Möglichkeiten des Austauschs  und der individuellen Handlungsfähigkeit entdeckt werden.

Nach dem Streik ist vor dem Streik. Wer einen Streik erlebt, verändert sich. Dagmar freut sich auf die nächste Tarifrunde.