Frauenmorde in Deutschland

123 Frauen sind im letzten Jahr durch ihren Ehemann, Lebensgefährten oder ehemaligen Partner in Deutschland umgebracht worden. 123 Mal endete somit eine Beziehung für eine Frau tödlich. Die Zahlen sind seit Jahren konstant hoch. Und doch ist den wenigsten Menschen in Deutschland bewusst, wie gefährlich für Frauen eine Beziehung enden kann.

Männer hingegen haben weniger zu befürchten: 26 Männer wurden im letzten Jahr von ihrer Partnerin oder Ex-Partnerin ermordet. Die sehr unterschiedlich hohen Zahlen zeigen, dass nicht nur Wut, Hass oder Eifersucht ausschlaggebende Motive sind. Morde an Frauen sind der gravierendste Ausdruck struktureller Ungleichheit von Machtverhältnissen zwischen Frauen und Männern. In Ländern, in denen nicht ohne Grund dem Thema seit vielen Jahren schon mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird – zum Beispiel in Lateinamerika oder in Spanien – gibt es daher für die Morde an Frauen einen eigenen Begriff: Femizid. Ein Femizid ist nach Definition der Weltgesundheitsorganisation der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind. Andere Definitionen fassen den Begriff enger.

In Deutschland wird der Begriff „Femizid“ kaum verwendet, obwohl auch hier die Zahl von Morden an Frauen – innerhalb und außerhalb einer Paarbeziehung – relativ hoch ist. Mit zwei Anfragen habe ich mich daher über das Wissen der Bundesregierung zu Morden an Frauen in Deutschland erkundigt. Leider zeigt sich, dass die Bundesregierung weder dazu in der Lage ist, „Femizid“ zu definieren noch über Erkenntnisse zu Femiziden in Deutschland verfügt. Die Definition der WHO macht sie sich nicht „zu eigen“, aber auch auf die Definition der Europäischen Union findet sie keine Antwort, obwohl sie deren Programm „Spotlight“ zur Prävention von Femiziden in Lateinamerika mit 45 Millionen Euro unterstützt.

Ohne Definition des Phänomens „Femizid“ lassen sich natürlich auch keine Aussagen darüber treffen, ob Femizide in Deutschland vorkommen. Doch auch die Frage, ob Frauen in Deutschland getötet werden, weil sie Frauen sind, kann die Bundesregierung nicht beantworten. Dies zeigen die Antworten auf unsere Kleine Anfragen 19/9695 und 19/4059. So kann sie „keine Aussage“ darüber treffen, ob unter den Tötungsdelikten durch einen (Ex-)Partner sich Femizide befinden, denn die „Tatmotivation“ werde in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst. Das gleiche gilt für Tötungsdelikte außerhalb von Partnerschaften, die wir in der ersten Anfrage abgefragt hatten. Auch für diese Fälle konnte die Bundesregierung keine Aussage darüber treffen, ob sich unter den Fällen Femizide befunden haben. Wir brauchen aber viel mehr Erkenntnisse darüber, warum Frauen – innerhalb und außerhalb von Partnerschaften – getötet werden, um Frauenmorde gezielt bekämpfen zu können.

Leider zeigt die Bundesregierung keine Motivation, ihre Wissenslücken zu schließen und die Erfassung der Tatmotivation in die Polizeiliche Kriminalstatistik aufzunehmen. Dabei hat sie sich mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt auf ihre „eigentlichen Ursachen und Auswirkungen, Vorkommen und Aburteilungsquote“ zu untersuchen. Auch wenn dadurch die Tatmotivation keinen Eingang in die Kriminalstatistik finden sollte, so ist dies doch ein deutlicher Auftrag für mehr Forschung und Datenerhebung zu Gewalt an Frauen. Entsprechende Vorhaben lässt die Regierung momentan leider nicht erkennen, dies zeigte bereits meine Kleine Anfrage zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Deutschland.  

Gewalt an Frauen muss besser bekämpft werden. Die Benennung von Morden an Frauen als Femizide und eine damit einhergehende gezielte Reduzierung der Ursachen von ungleichen Machtverhältnissen wären dafür ein wichtiger Schritt.

Mehr dazu: “Femizide – doch nicht in Deutschland” (taz-Artikel)