Die Pille und die Freiheit zur Familienplanung – emanzipatorisches Potenzial

Gastbeitrag

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von Dana Ringel

Als am 1. Juni 1961 die Antibabypille auf den Markt kommt, ist dies mit einer großen Verheißung verbunden. Frauen erhalten mit ihr erstmalig eine vergleichsweise anwendungsfreundliche Methode, die Kontrolle über die eigene Lebens- und Familienplanung zu gewinnen, ohne dafür Einschränkungen in Hinblick auf die Verwirklichung ihrer Sexualität hinnehmen zu müssen. Eine Chance, die den Weg zur sexuellen Revolution im Zuge 68er Bewegung einläutete, in deren Folge die weibliche Selbstbestimmung in den unterschiedlichsten Lebensbereichen möglich wurde und damit auch die kulturelle Neuordnung der damalig geltenden Geschlechterverhältnisse. Als emanzipatorischer Befreiungsschlag wird diese Entwicklung rückblickend vielfach beschrieben.

Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen sind Menschenrechte

Dass die selbstbestimmte Entscheidung zur Elternschaft ein Bestandteil des Rechts auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Freiheit von Frauen ist, das durch Menschenrechte, wie das Recht auf Gesundheit oder Anti-Diskriminierung garantiert wird , wird schließlich im Jahr 1979 mit Artikel 16 (Abs. 1 e) der UN-Frauenrechtkonvention (CEDAW) auch völkerrechtlich bekräftigt und auf eine institutionelle Ebene gehoben. Konkret ausformuliert haben Frauen demnach ein „gleiches Recht auf freie und verantwortungsbewusste Entscheidung über Anzahl und Altersunterschied ihrer Kinder sowie auf Zugang zu den zur Ausübung dieser Rechte erforderlichen Informationen, Bildungseinrichtungen und Mitteln“ .

Noch immer keine Gleichberechtigung in Verhütungsfragen

Gegenwärtig und inzwischen 57 Jahre nach ihrer Einführung, ist die Pille in Deutschland noch immer das erste Hilfsmittel, welches zur Ausübung des Rechts auf reproduktive Selbstbestimmung zum Einsatz kommt. Obwohl es weitere, nicht- hormonelle Verhütungsmethoden gibt, setzt jede dritte Frau auf sie, oftmals spätestens dann, wenn sie sich in einer festen Partnerschaft befindet . Damit ist die Hauptlast der Verantwortung zur Familienplanung häufig ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Forschungen zu dauerhaft wirksamen Verhütungsalternativen für den Mann wurden in der Vergangenheit immer wieder eingestellt. Die Nebenwirkungen seien nicht zumutbar, so oder so ähnlich die Begründung . Das Geschäft mit der Pille und damit mit dem Körper der Frau hingegen hat sich etabliert und das trotz teils schwerwiegender Beeinträchtigungen für das Wohlbefinden der Anwenderinnen.

Frauen im Spannungsfeld zwischen sexueller Freiheit und Gesundheit

Die Pille wird heute von Pharmaindustrie gerne als Lifestyle-Accessoire vermarktet. Ähnlich wie bei Kosmetikprodukten, locken pinke Verpackungen und frohe Botschaften mit Versprechen zu schönerer Haut oder geringerer Monatsblutung, weniger Gewichtszunahme. Hinweise, dass die Anwendung mit ernstzunehmenden Nebenwirkungen, wie Depressionen oder Libidoverlust einhergehen kann, finden sich höchstens im Kleingedruckten. Doch neben möglichen psychosozialen Auswirkungen, kann die Einnahme der Pille in seltenen Fällen sogar tödlich enden. Speziell die Wirkungshormone der neuen Präparate, die anders als ihre Vorgänger eine Gewichtszunahme vermeiden sollen, erhöhen das Risiko für die Entstehung lebensgefährlicher Thrombosen und Lungenembolien .

Zugang zu adäquaten Verhütungsmethoden ist in Deutschland eine Klassenfrage (?)

Zusätzlich zum Aufwand und den gesundheitlichen Risiken, denen Frauen durch ihre Verhütungsverantwortung ausgesetzt sind, bleiben sie ab dem 21. Lebensjahr auch noch selbst auf den Kosten dafür sitzen. Die seit 2004 bestehende Gesetzeslage, benachteiligt insbesondere die Frauen in ihrer reproduktiven Entscheidungsfreiheit, die sich in prekären Lebenslagen befinden . Zwischen 4,33 € – 22,10 € kostete nach Pro Familia Recherchen eine Pillenpackung 2017 monatlich, der Verhütungsring ca. 23 € . Hartz IV Bezieherinnen erhalten 15 € im Monat für die Gesundheitspflege in Form einer Kostenpauschale über den Regelsatz. Damit müssen auch andere Arzneimittel, wie Kopfschmerztabletten oder Heuschnupfenmittel bestritten werden. Die Verwendung hormoneller und hormonfreier Spiralen würde sich auf lange Sicht gar besser rechnen, einmalig aufzuwendende Beträge zwischen 120 € – 500 € für die 3-5-jährige Einlage, inklusive der später regelmäßig anfallenden Kosten für Nachuntersuchungen, sind für Frauen mit geringem Einkommen jedoch fast unmöglich aufzubringen. Studien legen nahe, dass Frauen unzureichender verhüten, wenn die finanziellen Mittel fehlen. Wenn es dann zu einer ungewollten Schwangerschaft kommt, sind sie es, die die Konsequenzen am schwersten zu tragen haben. §219a SGB verbietet es ihnen, sich über die Möglichkeiten eines Abbruchs angemessen zu informieren. Lassen sie diesen schließlich vornehmen, begehen sie im Grunde noch immer eine Straftat. Die Kosten dafür werden paradoxerweise allerdings von den Krankenkassen übernommen. Doch auch Frauen die sich für ihr Kind entscheiden, finden soziale Verhältnisse vor, in denen es an Kindergartenplätzen mangelt und Alleinerziehende am Rande der Gesellschaft stehen.

Reproduktive Freiheit für alle als frauenpolitisches Mindestziel

Es zeigt sich, dass die Voraussetzungen zur Ausübung des Rechts, eine verantwortungsbewusste Entscheidung hinsichtlich der Wahl der Mittel zur Familienplanung treffen zu können, für viele nur unzulänglich gegeben sind. DIE LINKE. wertet diese aktuellen Regelungen als Angriff auf die Selbstbestimmung und fordert deshalb, sämtliche Verhütungsmethoden durch die Krankenkassen erstatten zu lassen. Bereits jetzt stellen einige Bundesländer Verhütungsmittel für Frauen mit niedrigem Einkommen über besondere Regelungen sicher, obwohl dies bisher einer substantiellen rechtlichen Grundlage entbehrt. Wenn aber die finanzielle Erreichbarkeit von Kontrazeptiva vom Wohnort abhängt, läuft das nicht nur dem Verfassungsziel gleichwertiger Lebensverhältnisse zuwider, sondern ist das auch ein frauenpolitisches Armutszeugnis, das Deutschland zuletzt so vom UN Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau ausgestellt wurde. Dieser Überwacht die Einhaltung der Frauenrechtskonvention CEDAW und ermahnt dazu, Verhütung für jederfrau erschwinglich und damit zugänglich zu halten .

Solange Familienplanung also Frauensache ist, stellt es eine Doppelt- und Dreifachdiskriminierung dar, wenn individuell passende Verhütungsmittel nicht flächendeckend und für alle verfügbar sind. Eine Korrektur dieser Missstände ist zwingend erforderlich. Einen ersten Vorstoß machte letzten Dezember der Bundesrat mit einem Beschluss, der bundesweit vereinheitlichte Regelungen zur unbürokratisch Kostenübernahme von ärztlich verordneten Verhütungsmitteln für einkommensschwache Frauen und Frauen im Sozialleistungsbezug aus Bundesmitteln forderte. Nun gilt den Ball aufzunehmen und zu prüfen, was auf Bundesebene getan werden kann um Frauen ihre Rechte zu garantieren!

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