Auch Wohnungslosigkeit hat ein Geschlecht!

Mehr als 100.000 Frauen in Deutschland sind wohnungslos. Das ergab die Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, BT-Drs. 19/3888. Doch ansonsten weiß die Bundesregierung erschreckend wenig über diese katastrophale Situation. Dies führt zu einem Flickenteppich von Erkenntnissen, Vermutungen und halbherzigen Lösungsversuchen.

Es gibt keine bundesweit amtliche Statistik, wie es in anderen Ländern durchaus üblich ist. Daher verfügt sie nur über die Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe. Die schätzt, dass 100.000 Frauen in 2016 wohnungslos waren – das sind 27 Prozent aller Wohnungslosen. Das öffentliche und gedachte Bild, das Wohnungslose männlich sind, gehört dringend korrigiert. 

Bitter ist, dass die Bundesregierung über keine Strategien zur Wohnungslosenhilfe verfügt. Maßnahmen, die dazu – in den Ländern und Kommunal – gibt, werden nicht evaluiert. Und im Gegensatz zu zahlreichen Wohlfahrtsverbänden sieht sie gesetzliche Initiativen als nicht notwendig an. Sie schiebt die Verantwortung auf die Bundesländer und Kommunen, statt die Ursachen von weiblicher Wohnungslosigkeit zu bekämpfen.

Auch Wohnungslosigkeit hat ein Geschlecht – doch das ignoriert die Bundesregierung. Denn das zu akzeptieren, würde bedeuten, die unterschiedlichen Auswirken von Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf die Geschlechter in differenziertes politisches handeln umzusetzen – und die Gelder entsprechend aufzuteilen. Hinzu kommt zudem: Der Anteil wohnungsloser Frauen steigt, was die Situation mangels Daten zunehmend verschärft.

Die Unterscheidung zwischen Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist zudem aus geschlechtsspezifischer Sicht nicht unproblematisch, weil vor allem obdachlose Frauen seltener Platte leben, sondern in Wohnungen unterkommen, nicht selten mit zweifelhaften Gegenleistungen, die sie dafür zu erbringen, bzw. zu ertragen haben.

Auf die Länder betrachtet, ergeben sich verschiedene Situationen: In Nordrhein-Westfalen sind sogar über 30 Prozent aller von Wohnungslosigkeit Betroffen als weiblich. Dennoch sind auch dort die geschlechtsspezifischen Angebote weit unter den Erfordernissen. 5

Immerhin gibt es ein Forschungsprojekt dazu, aber die Erkenntnisse, die umgehendes Handeln erfordern würden, liegen bereits auf dem Tisch. Wenn im Frühjahr 2019 die Ergebnisse vorliegen, wird die Fraktion DIE LINKE im Bundestag spätestens wieder anmahnen, endlich etwas für diese große Gruppe von Menschen konkrete Verbesserungen herbeizuführen.

Und um die Situation zu verdeutlichen, hier die Eckpunkte für eine menschenwürdige Sozialpolitik:

  • Frauen im Westen sind eine besondere Risikogruppe
  • Frauen in Großstädten sind als besonders gefährdet
  • Frauenwohnungs- und Obdachlosigkeit ist weniger sichtbar als die von Männern
  • Wohnungs- und obdachlose Frauen sind stärker Gewalt und sexualisierter Gewalt ausgesetzt
  • Psychosomatische Folgen kommen auch daher, dass wohnungs- und obdachlose Fraue  in der Regel ohne ihre Kinder leben müssen.
  • Wohnungs- und obdachlose Frauen benötigen spezifische Angebote, eventuell sogar spezielle Frauenhäuser

Zur Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist es natürlich richtig, auch Wege in die Wohnungs- und Obdachlosigkeit hinein auszumachen – wie die Bundesregierung das priorisiert. Aber auch hier liegen die Antworten bereits auf der Hand: Armutssichere Renten und ausreichende Grundsicherung. Es fehlen außerdem kleine Wohnungen für alleinstehende (ältere) Frauen wie auch ausreichende psychosoziale Angebote. Es darf kein Abstellen von Strom, Wasser, Gas mehr geben. Und keine Wohnungskündigungen mehr bei Mietversäumnis. Auch benötigen Wohnungs- und Obdachlose niedrigschwellige Zugänge zu Jobcentern und deren Formularwut. Dies gilt natürlich für alle Geschlechter.

Des Weiteren müssen die Mittel, die der BAG Wohnungslosenhilfe zur Verfügung gestellt werden, erhöht werden. Sie leistet eine hervorragende Arbeit. Auch die Mittel, die durch EHAP, einen Europäischen Hilfsfonds zur Verfügung gestellt wurde sowie die Förderung von 84 Projekten müssen daraufhin überprüft werden, ob die Gelder ausreichend. Wie in vielen sozialen Projekten arbeiten die Fachkräfte auch dort oft nur in Teilzeit und sind nicht in ausreichendem Maß vorhanden.

DER SPIEGEL, 37/18 vom 8. September 2018

Es ist höchste Zeit, bestehende Projekte finanziell besser auszustatten, umfassende Daten zu erheben und dem Problem langfristig zu begegnen – mit einer anderen Sozial- und Wohnungspolitik.