100 Jahre Deutsche Minderheit in Dänemark

Grußwort an den Bund der Nordschleswiger, 2.11.19

Lieber Hinrich Jürgensen, Lieber Uwe Jessen, sehr geehrter Herr Botschafter Rünger, sehr geehrter Herr Landtagspräsident Schlie, sehr geehrte Frau Ministerin Sütterlin-Waack, sehr geehrter Herr Bürgermeister Geil, verehrte Gäste und Angehörige der Nordschleswiger

Schiller fragte einmal: „Was ist die Mehrheit?“ Und fand darauf als Antwort: „Mehrheit ist der Unsinn. Der Staat muss untergeh’n, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“ Goethe setzte noch eins drauf und kam zu dem Schluss: „Alles Große und Gescheite existiert in der Minorität.”

In der Tat: Gelebte Demokratie bedeutet, dass nicht die Mehrheit bestimmt und sich durchsetzt. Denn erst die Gemeinschaft aller, die Akzeptanz und das bewusste und gewollte Miteinander macht demokratische Verhältnisse aus. Sie, die deutschen Nordschleswiger in Dänemark, sind daher ein unverzichtbarer Teil der Gesamtgesellschaft. Und ich habe großen Respekt vor Ihrem Engagement, mit dem Sie aktiv beitragen, einen bedeutenden Teil der deutsch-dänischen Geschichte unvergessen zu machen.

Aber: Ihre Arbeit und Präsenz zeigen auch auf, dass Grenzen nicht statisch sind. Sondern – bestenfalls – das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses, leider aber meistens Ergebnis von Macht- und Gewaltverhältnissen und Kriegen. Insofern begrüße ich ausdrücklich, dass Sie sich als Brückenbauerinnen und Brückenbauer verstehen und es zu dem Motto Ihres diesjährigen „Deutschen Tages“ gewählt haben. Denn das ist es, was unsere Gesellschaft derzeit mehr denn je benötigt: Menschen, die das Verbindende suchen und nicht aus Ausgrenzende. Die integrieren wollen, die das Eigene schätzen und das Andere würdigen. Sie sind damit Vorbild und Maßstab für viele und ich wünschte mir, dass mehr Institutionen und Einzelpersonen Bekenntnisse dieser Art pflegen und leben. Herzlichen Dank dafür!

Sehr geehrte Herren und Damen,

dieser Tage ist uns allen wieder einmal besonders deutlich vor Augen geführt worden, dass aus der Geschichte leider nicht gelernt wurde: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle hat uns zutiefst vor Augen geführt, wohin Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung führen und wie präsent vor allem der Antisemitismus immer noch ist. Und ich spreche das an, weil ich es nicht nur als deutsches Problem sehe. Es ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Antisemitismus zu bekämpfen. Es darf keinen Grund geben, zu sagen: Das geht mich nichts an. Wir alle sind an dieser Stelle gefordert!

Der Kapitän Gustav Schröder, der ja in Haderslev geboren ist – und an dessen Geburtshaus eine Gedenktafel an ihn erinnert -, steuerte 1939 die St. Louis mit 500 jüdischen Menschen an Bord nach Kuba. Sicherlich haben der eine oder die andere von Ihnen den Spielfilm darüber gesehen, der jüngst im deutschen Fernsehen lief, so dass die Erinnerungen daran noch einmal aufgefrischt wurden. Und etliche Menschen haben vermutlich davon auch erstmals erfahren. Schröder gab damals nicht auf, nachdem Kuba den Passagieren verweigerte, an Land zu kommen. Auch nicht nachdem er von der Reederei, der Hapag, aufgefordert worden war, ins Nazideutschland zurückzukehren, wo die 500 Menschen das Konzentrationslager erwartete. Nach einer wochenlangen Odyssee auf dem Meer fanden sie schließlich Zuflucht vor den Nazis in Belgien, Großbritannien und Frankreich.

Dieser Teil der Geschichte ist und bleibt ebenfalls ein gemeinsamer – den wir auch vor dem Hintergrund, was heute die Seenotrettung von Geflüchteten angeht – nicht vergessen dürfen.

Sehr geehrte Herren und Damen,

die Verbindung zu Ihnen, den Nordschleswigern, ist und bleibt eine ganz besondere. Denn unsere enge gemeinsame Geschichte sollte Maßstab für die Zukunft sein. Um auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben zu werden. Und so finde ich es wirklich großartig, dass Sie Ihr Augenmerk auf die Jugend richten – sei es durch sportliche und musikalische Aktivitäten. Oder natürlich durch die Deutschen Kindergärten und Schulen in Südjütland. Dass Sie zu den Feierlichkeiten einen Bürgerchor eingerichtet haben und auch die Kinder in den Kitas und Schulen auf Deutsch und Dänisch singen, ist ein nicht zu unterschätzendes Zeichen. So wie es der jüdische Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin einmal sagte: „Musik ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen.“

Und wer mehrere Sprachen spricht – und Ihre Kinder wachsen ja ganz selbstverständlich damit auf – hat die besten Befähigungen, Brückenbauerin, bzw. Brückenbauer zu sein!

In diesem Sinne danke ich nochmals herzlich für die Einladung, wünsche ich Ihnen eine weitere erfolgreiche Arbeit und würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich bald wieder eine Besucher*innengruppe der Nordschleswiger in Berlin begrüßen kann.

Download